Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Ar. Seligmann: Lehre und Leben oder Judentum und Iudenhrrt o o o o Also waren die Juden zur Zeit der Richter und der Könige und in der ganzen biblischen Zeit keine Juden? Denn damals gab es noch keine jüdische Gesetzesfolianten, und auch mit der Befolgung des Gesetzes Moses' stand es, wie in der Bibel zu lesen ist, damals recht schwach. Also auch die Rabbinen des Talmud, nach der Zerstörung des Tempels, waren keine Juden? Denn damals mußten sie, der veränderten Lage Rechnung tragen und die ganze Opfer- und Priestergesetzgebung, fast die Hälfte der mosaischen Gesetze, die Hälfte von den 60 Traktaten des Talmud preisgeben. Das war mehr als das kleinste Titelchen des Gesetzes! — Wer war damals fortschrittlicher, das Christentum, das von der altjüdischen Opferidee sich nicht befreien konnte, sondern diese Dpferidee zur Grundlage seines neuen Glaubens machte, oder das Judentum, das äußerlich an Stelle der alten Kultusform eine neue Kultusform: das Gebet setzte, das aber innerlich zu der unvergleichlichen Freiheit des religiösen Standpunktes sich emporhob, daß der große Rabbi Iochanan ben Sakkai, ohne Widerspruch zu finden, erklären durfte: „An Stelle der Opfer ist die werktätige Menschenliebe getreten." Aber nicht nur Opfer-, Priester- und Temxelgesetze, nicht nur alle Gesetze, die an den Besitz Palästinas gebunden waren, die ganze Agrargesetzgebung des Judentums, sondern auch das mosaisch-talmudische Kriminalrecht und Zivilrecht wurden preisgegeben, ohne daß das Judentum zu Grunde ging. Glaubt man etwa, das göttliche Kriminalrecht der Thora habe beim alten Judentum nicht mindestens so schwer gewogen wie die Speisegesetze? Und was die bürgerlichen Gesetze betrifft, so sind es keine hundertundfünfzig Jahre her, daß sie noch in Geltung waren. Die Rabbiner waren Richter in Zivilsachen. Und als die Juden, bei ihrer Emanzipation, unter das bürgerliche Gesetz des Staates gestellt wurden, und damit auch der Kodex des Zivilrechts und der größte Teil des Eherechts preisgegeben wurde, und nur dors dea und Orach chajim ganz übrig blieben, so war das wieder mehr als ein Titelchen vom Gesetze, was aufgehoben ward, und das Judentum ist nicht zu Grund gegangen, und man kann sogar, trotz alledem, sogar ein orthodoxer Jude sein. Was soll angesichts dieser gewaltig sprechenden geschichtlichen Tatsachen das törichte Gerede, daß das Judentum unveränderlich und keiner Umgestaltung fähig sei? Immer mehr und mehr hat sich das Judentum, nach allmählicher Abwerfung seines aus der Zeit des Staatslebens mitgeschleppten gesetzlichen Ballastes, zur reinen Religion entwickelt, zu dem, was einst das Christentum werden wollte, aber durch den Ballast seiner Dogmen nicht geworden ist. Seiner Dogmen! Wir stehen von Jugend an so sehr unter dem starken Einfluß christlicher Denkweise, wir haben uns so sehr daran gewöhnt, mit christlich-religiösen Namen alles Religiöse auch innerhalb des Judentums zu benennen, daß wir uns erst daran erinnern müssen, daß das Judentum nie und nirgends das gekannt hat, was das Christentum Dogmen nennt. Wohl wurde hier und da von Einzelnen der versuch gemacht, den gedanklichen Gehalt des Judentums auf einige wenige Glaubensgrundsätze zurückzuführen, aber das waren immer nur individuelle Theorien, die nie den Anspruch darauf erhoben, und denen niemals die Autorität eingeräumt wurde, zu allgemeiner kirchlichen Anerkennung zu gelangen. Es waren meist durch geschichtliche Verhältnisse bedingte Abwehr-Dogmen gegen Häretiker in der eigenen Mitte oder gegen neue Religions- und Sektenbildungen. Die jüdische Rechtgläubigkeit war nie was anderes als Rechtschaffenheit!