Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Srligrnsnn: Lrhrr und Leben oder Indenturn und Iudrnheil 55 heutige Gegenwart weiß! Wenn man das altfromme Judentum der Mendelssohn'schen Zeit dem eigenen geistigen Verständnis näher bringen will, so kann man es nur vergleichen mit einem Menschen, der sein Gedächtnis verloren hat. Gr weiß nichts von der Vergangenheit, er lebt nur in der gegenwärtigen Form und Gedankenwelt des Judentums und meint, so müsse das Judentum und dürfe nicht anders sein, sonst wäre es kein Judentum mehr. Und wenn nun doch die modernen Gedanken und das moderne Leben in der Seele eines solchen Juden Macht gewonnen haben, so glaubt er gebrochen zu haben mit dem wesen des Judentums. Da steigt vor dem Blicke dieses Mannes, durch die Wissenschaft des Judentums erweckt, die Vergangenheit des Judentums aus den Gräbern. Gr sieht die Heldengestalten seiner Geschichte an seinem Auge vorüberziehen, Patriarchen und Propheten, Talmudweise und Philosophen, Helden, Dichter und Denker.. Gr sieht, wie das Judentum auf seinem langen wechselvollen Gang durch die Geschichte mächtige Umgestaltungen erfuhr, die sein ganzes Wesen durchschütterten. Gr sieht, wie nach jeder Ratastroxhe das Judentum seine Form gewechselt und seinen Gedankengehalt bereichert und vertieft hat, wie es allen veränderten Gestaltungen seiner Geschichte in wundervoller verjüngungskraft sich angepaßt und doch seinen originalen Genius durch allen Wechsel und Wandel festgehalten hat. Dann sieht er vom hohen Standpunkt der Geschichte, wie das Judentum der letzten Jahrhunderte gleich einem versiegenden Strom ward. Gs lag im Staub, es ward düster, und sein Horizont verengte sich in der engen dumpfen Iudengasse. Aber seine Huellkraft war nicht versiegt, sein Geist war nicht von ihm gewichen, sondern schlief nur einen langen Winter, bis der Tag des neuen Völkerfrühlings kam. Und als die Ghettomauern fielen und die Iudenheit sich aus der Niederung erhob, da gewann auch das Juden tum alsbald wieder jene hohe Geistesfreiheit, die unsere jüdische Gegenwart kennzeichnet. Aber — es ist unabweislich, an diesem Punkte auf die Berechtigung dieser freieren Auffassung des Judentums etwas näher einzugehen. Denn diese Berechtigung wird angefochten, auf der einen Seite vom christlichen Liberalismus, der den jüdischen Nebenbuhler am liebsten in die alte Zwangsjacke des Ritualismus einschnüren möchte, um von der Höhe seiner Geistesfreiheit verächtlich auf ihn herabschauen zu dürfen; von der anderen Seite wird die Berechtigung moderner Auffassung und Ausgestaltung des Judentums aus unserer eigenen Mitte heftig bestritten. Aber sollte nicht schon die auffällige Uebereinstimmung mit jenen liberalen christlichen Anfechtern des modernen Judentums, die das Judentum gar zu gerne ausgelöscht sehen möchten aus dem Buche der Lebendigen, diejenigen stutzig machen, die den liberal-jüdischen Standpunkt als unvereinbar mit dem Wesen des Judentums erklären? Auch Gduard von Hartmann meint: „Das Reformjudentum ist eigentlich kein Judentum mehr. . . man muß entweder, wenn man Jude bleiben will, am Gesetze festhalten bis aufs kleinste Titelchen, wie Jesus, oder aber mit dem ganzen Gesetze brechen, wie Paulus, damit aber auch aufhören, Jude zu fein." was soll das heißen? Gntweder man muß die ganze Thora und den ganzen Talmud und den ganzen Schulchan-Aruch mit allem, was zur Zeit des Rabbi MosesIsserles im Jahre f550 in Arakau religiöser Gebrauch war, alle abergläubigen Gebräuche selbst, die die Aabbala in's Judentum hineingeschmuggelt hat, bis aufs letzte Titelchen halten, oder man ist kein Jude?