Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Ar. Srligrnann: Lehre und Leben oder Judentum und Iudrnheit o c> o o frommen Judentum zurück, resp. verharrt bei demselben — und das ist der Standpunkt der Hirsch'schen Neu - Orthodoxie. Oder das Judentum wird so gründlich modernisiert, gedanklich und in seiner äußeren Erscheinung, bis es den Ansprüchen der modernen Iudenheit konform ist, wobei freilich vom historischen Judentum nicht viel mehr als der Name übrig bleibt, und wobei freilich das Judentum alle 30 Jahre sich mit den veränderten Weltanschauungen verändern und bald kantisch, bald hegelianisch, bald schoxenhauerisch, bald darwinistisch werden müßte — und doch ist das der Standpunkt vieler moderner gebildeter Juden. Oder endlich Iudenheit und Judentum kommen sich entgegen. Die Iudenheit wird jüdischer, und das Judentum wird moderner. Das war das Ziel der Reformbewegungen in den ^Oer Jahren mit ihren Rabbinerversammlungen, das war das Ideal vor allem des größten jüdischen Theologen im vorigen Jahrhundert, Abraham Geiger's, der dafür das Schlagwort prägte: „Ausgleichung zwischen Leben und Lehre". Diese Ausgleichung zu finden, war die treibende Kraft zu der wunderbaren Entfaltung der Wissenschaft des Judentums im vorigen Jahrhundert. Die Wissenschaft des Judentums ward geboren aus dem nach Reform drängenden neuen Leben. Als die preußische Regierung im Jahre M7 den Reformgottesdienst in Berlin, bei welchem Zunz als Prediger fungierte, verbot, weil dabei deutsch gepredigt wurde, faßte Zunz den plan zu seinem, die Wissenschaft des Judentums begründenden, klassischen Werke: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden". Er wies darin nach, daß die gottesdienstlichen Vorträge, d. h. die predigten, eine uralte jüdische Institution seien. „Zu alten Zeiten," sagt er, „ist in Israel das Wort der Lehre von Mund zu Mund vernommen worden, und jedes fernere Gedeihen jüdischer Anstalten kann nur dem, Einsicht und Erkenntnis ausgießenden Wort entströmen." „Der entzündete Funke erlischt nicht wieder," ruft er zum Schluß, „ihn können Verfolgungen nur zu lichter Flamme anblasen, denn unwiderruflich, wie der Sieg der Freiheit und der Zivilisation, der bürgerlichen Gleichstellung der Juden und ihrer wissenschaftlichen Kultur ist die Reform." Die jüdische Wissenschaft, die bessere Erkenntnis der jüdischen Vergangenheit setzte die Gegenwart in den Stand, das historisch Gewordene und augenblicklich zufällig Feststehende auf seine Berechtigung zu prüfen. Geiger war es, der zum ersten Male von diesem Gesichtspunkte aus das ganze Judentum zu überschauen begann, und Geiger war es, der durch die Geschichte zeigte, daß das Judentum das Prinzip fortschreitender Entwicklung in sich trage. In seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie hat er im Jahre ^835 zum erster! Male diesen großen fruchtbaren Gedanken klar und scharf ausgesprochen und suchte um diesen Gedanken die ganze jüngere Rabbinerwelt zu scharen. „Wir bedürfen," so ruft er aus, „der Männer, die da Nachweisen, wie allmählich das Judentum zu dem geworden, was es ist, die sich nicht scheuen, gegen den befangenen Glauben mit Gründen darzutun, daß gar Vieles nicht Ueberlieferung, nicht durch richtige Exegese Eruiertes ist, sondern in der Zeit Entstandenes, was auch die Zeit wieder aufzuheben vermag." Immer mehr vertiefte Geiger diesen fruchtbaren Gedanken der fortschreitenden historischen Entwicklung des Judentums und will mit diesem zündenden Gedanken den Felsen des alten starren Judentums sprengen, die kalten Herzen der Entfremdeten wärmen und für das Judentum neu gewinnen. Welchen Einfluß hat dieser Gedanke gewonnen? Einen viel größeren, als die