Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Seligmann: Lehre und Leben oder Judentum und Iudrnhert 53 um das Judentum kümmerte man sich nicht. Ungeheueres geschah in jenen Tagen für die Bildung der Juden, ungeheures für ihre geistige, sittliche und vor allem ästhetische Erziehung. Nichts geschah für das Judentum. Das Judentum war ein Patient, an dessen Heilung man verzweifelte. An Reform des Judentums dachte damals Reiner. Da kam der große politische Rückschlag. Die napoleonische Kriegszeit war vorüber. Nach den erschütternden Kriegsunruhen war der Friede wieder eingekehrt und mit dem Frieden ein neuer Geist der Kirchlichkeit und des nationalen Chauvinismus. Der literarische Judenhaß feierte seine ersten Orgien. Aus dem Taumel der Allerweltsreligion unsanft aufgeschreckt, sahen sich die Juden mit Gewalt auf ihre alte, verlassene Heimat, das Judentum, zurückgeworfen. Da erwachte auch in ihnen wieder die große Sehnsucht nach Positivismus und Geschichte, die im Menschenherzen niemals zu ertöten ist. Heute zurückgedrängt, flammt sie morgen sturmgleich zum Himmel empor. Die ersten schüchternen Annäherungsversuche der modernen Iudenheit an das Judentum begannen. Die Juden heit suchte sichs heimisch zu machen im alten verlassenen Judentum. Zu diesem Zwecke mußte das Judentum eine gefälligere Form annehmen, wie sie dem gebildeten Geschmack und dem geläuterten Empfinden der Zeit entsprach. Nur auf die äußere Form, in welcher das Judentum in Erscheinung tritt, richteten sich in dieser zweiten Periode der religiösen Bewegungen alle Bestrebungen der Zeit. Zn äußere Erscheinung aber tritt das Judentum vor allen: im Kultus, im Gottesdienst; der Gottesdienst wurde reformiert. Zuerst erhob sich ein Sturm im Lager der Altfrommen. Die Hilfe der preußischen Regierung wurde angerufen, aber nach und nach brach sich die Reform überall Bahn. Dom Hamburger Tempel aus verbreitete sie sich bald über ganz Deutschland, Oesterreich und selbst in die neue Welt. Auch in die altfromme Synagoge zog die Reform ein in Gestalt der Synagogenordnung, des geregelten Gesanges, der deutschen predigt, der Amtskleidung des Rabbiners. Die Reform des Gottesdienstes hat sich durchgesetzt, nur über das Mehr und Weniger ist es zu Meinungskämpfen und Parteibildungen gekommen. Aber diese Reform des Gottesdienstes war nur der erste schüchterne Annäherungsversuch zwischen Iudenheit und Judentum. Mit dem Auftreten des Schöpfers der neuen jüdischen Wissenschaft, Zunz, und des Schöpfers der neuen jüdischen Theologie, Geiger, beginnt erst die eigentliche tiefgehende religiöse Bewegung, deren Endziel ist: die vollständige Wiederannäherung von Judentum und Iudenheit, die Ueberbrückung der tiefen inneren Kluft zwischen dem (eben und Denken der Juden einerseits, der Lehre und den Geboten des Judentums andererseits. Damit treten wir in die dritte, interessanteste und erregteste Periode der jüdischen Geistesbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts. Wie wurde nun diese Wiederannäherung zwischen Iudenheit und Judentum herbeizusiihren versucht? Nun, ohne die Geschichte zu kennen, kann man sich durch abstrakt logischen Denkprozeß die möglichen Annäherungsprinzipien konstruieren. Im Grunde genommen sind es nur drei. Entweder der Berg kommt zu Mohammed oder Mohammed kommt zum Berg, oder — bei dieser dritten Möglichkeit ist freilich ein breiter Spielraum für die verschiedensten Bewegungen gelassen — Mohammed und der Berg kommen sich irgendwo in der Mitte entgegen. Mit anderen Worten: Entweder die modern gebildete Iudenheit kehrt zum alt-