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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 3 (1908) · p. Seite 52

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
3 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 Ar. Seligmann: Lehre und Leben oder Judentum und Iudenhert Fünfundzwanzig Jahre später, zu Beginn des;9- Jahrhunderts aber war das, an dessen Möglichkeit Mendelssahn gezweifelt hatte, erstaunliche Wirklichkeit geworden, und Mendelssohn selbst war der Märchenprinz gewesen, der das schlafende Dornröschen der deutschen Juden heit aus vielhundertjährigem Schlummer weckte; vor seiner Erscheinung wichen die Dornenhecken und Zäune, die die deutsche Iudenheit von der modernen Welt schieden, wie auf einen Zauberschlag zurück, und hell und blendend flutete das Licht und die Schönheit der modernen Bildung in die verwunschenen Iudengafsen hinein. Mit leidenschaftlicher Hast eilte die jüdische Jugend zu den neuerschlossenen Quellen der Bildung, als wollte sie den lang zurückgehaltenen Durst mit einem Male gewaltig stillen. Mit der neu errungenen B i l d u n g.ging ein völliger Umschwung der gesellschaftlich e n S t e l l u n g der Juden Hand in Hand. Die Scheidewände sozialer Abschließung fielen, die Juden lebten in den großen norddeutschen Städten in geselligem Verkehr und vielfach in Freundschaft verbunden mit den Andersgläubigen. Dieser plötzliche Wandel aller geistigen und sozialen Lebensbedingungen brachte eine zitternde Erregung in die Seele des deutschen Judentums. Doch nein! Nicht des Juden t u m s, sondern der Juden heit. All das Neue, Wunderbare kam zunächst nicht dem Judentum, sondern der Juden heit zu Gute. Judentum und Iudenheit waren in alten, vormendelssohnschen Zeiten noch zwei kongruente Größen. Die Grenzen des Einen fielen mit den Grenzen des Anderen zusammen. Die ganze Iudenheit war erfüllt von Judentum, und das Judentum war die alleinige geistige Atmosphäre der Iudenheit. Reine dissentierende Meinung und keine abweichende Lebensführung zerriß die Einheit. Denn das gleiche soziale und geistige Milieu des Ghetto, das Schreckgespenst des rabbinischen Bannes, die Solizeigewalt des Vorstandes und — nicht zuletzt — die geheimnisvolle Macht der öffentlichen jüdischen Meinung, die mit scharfer Zunge über jeden herfiel, der au<L nur im kleinsten Gebrauch von der allgemeinen Sitte der Gasse abzuweichen sich erdreistete — das war eine vierfache eiserne Klammer, die Judentum und Iudenheit zusammenschmiedete. Noch im Jahre ^750 wurde aus Berlin auf Betreiben des Vorstandes ein jüdischer Rnabe ausgewiesen, der beim Tragen eines deutschen Buches ertappt worden war. In diesem trüben Dämmerleben traf den Juden der Strahl der neuen Zeit. Es war eine dem positivismus abgewandte Zeit, in welcher der Eintritt der Juden in die deutsche Kultur stattfand. Man träumte den Sternentraum einer weltumspannenden Menschenliebe.' Man sah alle Grenzpfähle der Konfessionen einstürzen. Da wurden die Juden begeisterte Verehrer und Jünger Voltaire's und Rousseau's; sie warfen sich mit brennendem Eifer dem neuen geistigen Leben der Zeit in die Arme. Aber der uralte eigene Geist, der Geist des Judentums blieb unverstanden und ungeliebt. Ohne zu wissen, welche geistige Großmacht das Judentum repräsentiere, schämten sich die modern gebildeten Juden des zufälligen Zustandes der Unkultur, in welchem die Neuzeit das Judentum überrascht hatte und glaubten, dieses Zerrbild sei das wahre Bild des Judentums. Damals gab es den großen Riß zwischen Iudenheit und Judentum. wie einst zur Römerzeit die Juden ihre pälqstinensische Heimat verloren hatten, so verloren jetzt viele durch die völlige Eingabe an die europäische Kultur die zweite Heimat der Juden: das Judentum. Die Iudenheit, die Juden selbst, sollten reformiert werden,

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