Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Srtigrnsrm: Lehre und Leben oder Judentum und Indrnhert 51 orthodoxe Judentum ist nicht eine Sekte, nicht eine Partei, vielmehr bezeichnet „orthodoxes Judentum" das Judentum an sich," und wenn sie diesem monströsen Satze gar die noch ungeheuerlichere Bemerkung vorausschickt, daß die Urheber des liberalen Programms dies recht gut wissen, daß die Liberalen — also auch die im Dienste der Religion stehenden liberalen Rabbiner — sich selbst als außerhalb des Judentums stehend betrachten: so ist sie es, die Zwietracht und Hader in friedliche Gemeinden trägt, und wir wissen dann auch, was wir von ihrer der Wahrheit ins Gesicht schlagenden Behauptung zu halten haben, daß ihre Anhänger den Kampf niemals gesucht und immer beklagt haben. Die liberale Vereinigung hat in Ergänzung ihres Programmes durch eine Resolution ausdrücklich erklärt, daß sie das Selbstbestimmungsrecht der Orthodoxie in ihren religiösen Angelegenheiten anerkennt und jeden Gewissenszwang verwirft, aber sie hat auch hinzugefügt, daß der religiöse Liberalismus das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich verlangt, und daß die Anerkennung dieser Grundsätze die unverrückbare Grundlage eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens innerhalb der Gemeinde bildet. Nicht wir^ die ohne die Kreise der Orthodoxie zu stören, nur von unserm guten Rechte Gebrauch machen, nicht wir sind daher die Friedensbrecher, sondern die sind es, die uns dieses Recht streitig machen, die uns vorschreiben wollen, was Judentum ist, denen es aber nimmermehr gelingen wird, eins Bewegung aufzuhalten, von der wir Heil und Segen für die jüdische Gesamtheit erhoffen dürfen. Denn ihr Ziel ist die Stärkung des religiösen Lebens, die Begeisterung für den unvergleichlichen Kerngehalt der jüdischen Glaubens- und Sittenlehre. Seid stark und fest, werte Gesinnungsgenossen, „liebet die Wahrheit und den Frieden," und sollte der Kampf euch aufgezwungen werden, so seid mutig und tapfer! Ihr kämpfet für eine gute Sache! Lebre und Leben oder Judentum und Judenheit. Von Rabbiner Dr. Seligmann-frankfurt a. ITl. as werden des modernen Judentums aus der mittelalterlichen Umnachtung eines düsteren Ghettolebens bietet ein Schauspiel voll unvergleichlichen Zaubers. Das jüdische Mittelalter, die unausbleibliche Folge der lange fortgesetzten entwürdigenden Demütigung und geistigen Abschließung der Juden begann erst, als schon das erste Morgendämmern einer neuen Zeit über Europa anbrach und dauerte noch an, als Lessing seinen Nathan und Goethe seinen werther geschrieben hatte. Im Jahre 1775, demselben Jahre, in welchem Goethe in Weimar eintraf, forderte der große Pädagoge Basedow Moses Mendelssohn auf, israelitischen Zöglingen das neuerrichtete Philanthropin in Dessau zu empfehlen, damit sie unbeschadet ihres Glaubens aus geistigem Schlummer geweckt würden und sich der europäischen Bildung näherten. Aber Mendelssohn erwiderte resigniert: „Soll ich der Jugend meiner Nation die Frucht der Bildung in ihrer Schöne zeigen lassen, damit den Armen ein um so stärkerer Durst nach dem Genüsse philanthropischer Freiheit erweckt werde?" Und in ähnlichem Sinne ruft Mendelssohn bei einer anderen Gelegenheit aus: „Meine Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifeln möchte."