Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Dr. Vsgrlstrin: Zn Schutz nnL Trntz Propheten, nicht' die Ahnen und nicht die Geschichte zu befragen, was Judentum ist; das Judentum müsse erst zu Spinoza und Darwin, zu Schopenhauer und bsaeckel, zu Delitzsch und bsarnack in die Lehre gehen, um von ihnen zu erfahren, was uns Religion, was uns als Duden bindend ist, was derg jüdischen Leben als heilig zu gelten hat?" Wie würden wohl die Propheten, diese gottbegeisterten Kämpfer für Wahrheit und Recht, wie würden die Gesetzeslehrer, die den Ausspruch geprägt haben: „Wahrheit ist das Siegel der Gottheit", über solch unwahrhaftiges Gebühren urteilen? In sittlicher Entrüstung würden sie es schmerzlich beklagen, daß die, welche sich „gesetzestreue" Juden nennen, die heiligsten von Gott gegebenen Gesetze schnöde mißachten. Auf eure Leichtgläubigkeit, werte Brüder und Schwestern, spekulieren die Verfasser des orthodoxen Flugblattes, die euch einreden wollen, wir Liberalen „wollten euch die Thora aus dem Herzen reißen, den Rest von Pietät, der sich allenthalben erhalten hat, ertöten, an Stelle der Gesetzestreue Willkür und religiöse Anarchie setzen und den Boden unter euren Füßen bis zum vollendeten Abfall untergraben." Glaubet ihnen nicht! Das Gegenteil erstreben wir. Die Liebe zur Religion wollen wir erhalten, und, wo sie im Erlöschen begriffen ist, neu beleben, die göttlichen Gebote wollen wir in ihrer Lauterkeit und Reinheit euch ans Herz legen, sie euch teuer machen, die wankenden im Glauben wollen wir stärken, dem Abfall wollen wir Vorbeugen. Leset und prüfet unser Programm, leset die Namen der Hunderte von Männern aus allen Ständen und Berufsklassen, die es unterschrieben und sich unserer Vereinigung angeschlossen haben, fraget euch, ob das die Sprache von Zerstörern des Judentums ist, oder ob nicht vielmehr aus jeder Zeile hervorgeht, daß sie das Dudentum erhalten und es deshalb so ausgestalten wollen, daß es auch unseren Kindern und Kindeskindern noch als ein hohes, der größten Opfer wertes Gut erscheint, daß es ihnen eine Lebensmacht ist und bleibt. Dann möget ihr nach freier Wahl und nach innerster Ueberzeugung euch entscheiden, wem ihr folgen wollt, ob denen, die die bessernde Hand an die Schäden des Religionsgebäudes zu legen entschlossen sind, oder denen, die euch als Gesetzesübertreter betrachten, wenn ihr am Sabbat mit einem Taschentuche in der Tasche oder mit einem Regenschirm in der Hand über die Straße geht. vergesset nicht, daß zu allen Zeiten jeder Fortschritt, jede Reformbewegung, zumal auf religiösem Gebiete, heftig bekämpft worden ist, sich aber schließlich doch durchgerungen hat, ja daß auch die, welche sich orthodox nennen und die Aufhebung oder Umgestaltung eines veralteten und inhaltlos gewordenen Brauches als religionswidrig verdammen, daß auch sie sich stillschweigend über manche Vorschriften des Schulchan-Aruch hinwegsetzen und deshalb von den Juden in den östlichen Ländern, die konsequenter sind als sie, als Frevler am Religionsgesetz, als Zerstörer des Judentums gebrandmarkt, also mit denselben Namen belegt werden, die sie selbst für die Liberalen in Bereitschaft halten. Unsere Religion hat Raum für die verschiedensten Richtungen, keine von ihnen kann den Anspruch erheben, die einzig berechtigte zu sein, keine darf vermessen von sich behaupten, daß sie allein das wahre Judentum repräsentiere, wenn die Orthodoxie, wie es in ihrem Flugblatt geschieht, es dennoch tut, wenn sie verblendet und sich selbst überschätzend den Satz ^ufstellt: „Das