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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 46

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 46 (sequence 22)
Language
German
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46 Prof. Ar. Fudrmg Geiger: Aus den Kindrrjshren -er Rrformbewegung wer in diesem merkwürdigen Streite gesiegt, die Gemeinde oder der gefährliche Neuerer, läßt sich aus den Akten nicht entscheiden. III. Dis Beerdigungen bildeten auch ferner den Zankapfel; leider wurde auch der Friedhof der Schauplatz tumultuarischer Szenen. Ls wird aus dem vorliegenden Material nicht ganz klar, ob der Vorstand, in dem bekanntlich seit (838 die liberale Richtung vorwog, weiter den reformistischen Bestrebungen der neuen Beerdigungsgesellschast widerstrebte oder ob nicht vielmehr nun die Sache sich umkehrte und der Vorstand, der die Tendenzen jener Gesellschaft sich zu eigen gemacht hatte, diejenigen ausschloß, die durchaus am Alten hingen. Lin Breslauer Israelit Löbel Magnus, versuchte durch mannigfache Bittschriften bei den Ministerien den Vorstand der Breslauer Gemeinde zu zwingen, ihm eine Grabstätte auf dem jüdischen Friedhofe zu gewähren, obgleich er es ablehnte, Mitglied der Beerdigungsgesellschaft zu werden. Dagegen vertrat der Vorstand den Standpunkt, daß jeder Jude, der in Breslau Bürger werden wollte, sich vorher einen Begräbnisplatz sichern, d. h. wohl Mitglied der Beerdigungsgesellschaft werden müßte und erachtete es als fein Recht, die Nichtmitglieder vom Friedhofe auszuschließen, von Seiten der Ministerien wurde dieser Standpunkt als irrig zurückgewiesen, freilich mit dem Hinweis auf die in Aussicht stehende Neuregulierung der Verhältnisse und zwar mit der Begründung, daß die jüdische Gemeinde verpflichtet sei, jedem Juden eine Begräbnisstätte zu geben. IV. Ls ist bekannt, mit welcher Heftigkeit s8^0 bis ^8^2 die Streitigkeiten zwischen Tiktin und Abraham Geiger geführt wurden; auch der Tumult auf dem Friedhofe (s8^2) ist oft erwähnt worden?) Daß dieser Vorfall, der innerhalb der Iudengemeinde ungeheuere Erregung hervorrief, auch 9 Ueber diesen Vorgang vgl. die Darstellung A. Geigers selbst in Nachgel. Schriften I, S. 73 fg. von den Behörden beachtet wurde, war bisher nicht bekannt. Nun aber kann ich aus den Akten das Stück eines „wöchentlichen Polizeiberichts" (unterzeichnet Lseinke) vom 9- April \842 mitteilen, aus dem hervorgeht, welche Bedeutung die Behörde dem Vorfall beimaß. Der Polizeipräsident bemerkt nämlich seinem Vorgesetzten, dem Minister des Innern: „Die Aufregung, welche unter den: niederen Teil der hiesigen Juden fortwährend durch den Oberrabbiner Tiktin erhalten wird, hat am 3. d. M. bei der Beerdigung des Kaufmann Markus Oppenheim einen höchst skandalösen Auftritt auf dem jüdischen Beerdigungsplatz herbeigeführt. Die Leiche ist von mehr als 600 Juden begleitet worden, in deren Gegenwart, nach erfolgter üblicher Abwaschung und Bekleidung der Leiche der Gberrabbiner Tiktin einen Vortrag gehalten hat. Als nach ihm, dem Wunsch des Sohnes des verstorbenen gemäß, der Rabbiner Dr. Geiger gleichfalls eine solche begonnen, ist derselbe durch Zischen und Murren zweier zu der Tiktinschen Partei gehörenden Korrigenden namens Meyer Hentschel und Lohn gestört und durch Zustimmung des als leidenschaftlicher Gegner des Dr. Geiger bekannten Kaufmanns Davidson und sämtlicher Tiktinscher Anhänger diese Störung so allgemein geworden, daß es unter Einzelnen zu Püffen und Stößen gekommen und dem Dr. Geiger unmöglich geworden ist weiter zu sprechen. wie verlautet, soll der Tiktin in seinen Synagogalvorträgen, die er nur im jüdischen Jargon zu halten vermag, und die also jedem Nichtjuden unverständlich bleiben, stets aufwiegelnde Reden gegen diejenigen führen, die sich wie jetzt die einsichtigeren Juden überall vom Talmudismus entfernen. Ls ist hierdurch die Spaltung unter den hiesigen Juden wieder mit großer Heftigkeit ausgebrochen, sodaß polizeiliche Vorsichtsmaßregeln notwendig geworden sind, und es fragt sich, ob ein anderes Auskunftsmittel übrig bleiben wird, als eine Trennung der Gemeinde, wenigstens in ihren kirchlichen Linrichtungen.ht Mosaisten und Talmudisten zu gestatten. Die Lrsteren, deren Gesinnungen sich unter den: Einfluß des Dr. Geiger sichtlich veredeln, nähern sich offenbar dem Christentum und be-

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