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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 43

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 43 (sequence 19)
Language
German
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oo oo Mütter nnd Kinder 43 Ist es nicht ein Raub am Kinderherzen, wenn wir ihnen dieses Köstlichste und Beseligendste, den Feiertagsklang des Lebens nehmen? Was soll sie emportragen über die Nüchternheit des Werktaglebens? was soll ihnen das Judentum wert und lieb machen? Was soll sie mit süßer schmeichelnder Erinnerung knüpfen an die Religion ihrer Väter und Mütter? Was soll ihnen Liebe und Begeisterung für das Judentum in die empfängliche Seele gießen, wenn nicht die Schönheit und die Poesie der Religion im Elternhause? Nicht die Belehrung in der Schule allein, sondern das religiöse Leben im Hause wird sie treu und stark machen. Wenn sie zu Hause als Kinder sich freuen gelernt von Freitagabend auf Freitagabend, von Seder zu Seder, von Chanukka zu Chanukka, dann, nur dann hat sich die Religion der Väter mit so schmeichlerischen Melodien festgesungen in ihrer Seele, daß das Lied aus der Kinderzeit nicht verhallen wird das ganze Leben. Der Schein der Lhanukkalichter wird unseren Kleinen Heller strahlen als die flackernden Christbaumkerzen, weil die Kinder das feine, wenn auch oft nur unbewußte Gefühl haben: Das ist unser Fest, unseren Heldenvätern geweiht, wir sind keine Bettler vor fremden Türen. Und der Märchenzauber des Sederabends — wer dürfte ihn seinen Kindern nicht gönnen? „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen . . klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Passahklänge zufällig in's Ohr dringen." Das sagt der Abtrünnige, Heinrich Heine, der doch im tiefsten Herzen immer Jude geblieben. Müßte nicht unser aller Wunsch sein, dieses Köstlichste im Kinderleben, das alle, die es in der rechten Weise erlebt haben, als heiligstes Kinderglück in der Stille ihrer Seele bewahren, auch unseren Kindern mitzugeben? D heilige, schöne Kinderzeit, wie helleuchtend in deinem Freitagabendzauber, wie schimmernd in deinem Festesglanz trittst du vor meine Seele! Wie goldene Farbentöne auf denr grauen Alltagskleid des Lebens, wie sonniger Maienglanz lebt ihr in meiner Erinnerung stillstem Winkel! Wenn wir aber glauben, daß die Festesfeier und die festlichen Gebräuche in ihren zum teil veralteten starren Formen, denen nicht jeder aus eigener Kraft neues Leben einhauchen kann, daß die Gebete und Gesänge, in ihrer dem Kinde zumeist unverständlichen Sprache, unseren Kindern nicht die rechte innige Erbauung geben und heilige Gefühle erwecken können, so laßt uns an unsere religiösen Führer die Forderung stellen: Schaffet unseren Kindern die neue, ihrem Verständnis und Empfinden angemessene, poetische Form! Zeigt uns, wie wir unsere häuslichen Feste gestalten müssen, damit sie immer neu, immer schön, mit Jubel begrüßt, zu uns kommen, den grauen Alltag uns verklärend. Das wäre eine Aufgabe, würdig der Führer der neu erstarkenden liberalen Bewegung: Der Poesie des jüdischen Lebens im Familienhause eine neue Auferstehung zu bereiten! Wenn die Synagoge ihr mittelalterliches Gewand abgetan und in unserer Zeit in neue Schönheit sich gekleidet hat, wenn das mittelalterliche Cheder sich zur modernen jüdischen Schule wandelte, wenn der Religionsunterricht immer neue Pfade zur Pflege und Erweckung jüdischen Bewußtseins sucht — soll das Haus, die Wurzelstätte jüdischen Lebens im grauen Aschenbrödelkittel sitzen und keinen Teil haben an der neuen Schönheit, nach der das Judentum ringt? Das ist es, was wir modernen jüdischen Mütter, die wir unsere Kinder dem Judentum erhalten wollen, von der neuen liberalen Bewegung fordern und erwarten, daß sie dem jüdischen Haus ihre liebevolle Sorge zuwende, damit im neuen Glanze der alte Freitagabendzauber, die alte Festtagsweihe erstehe und bewahrt bleibe im stillen Winkel der Lrinnerung von unseren Kindern. Ja, einen tiefen stillen Winkel gibt es im Menschenherzen, da schläft die Lrinnerung; bei einem Laut, bei einem Ton oft nur wird sie

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