Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Mütter und Kinder 0 O 0 O Mein Liebling schläft, das Händchen fest geballt Ums liebste Spielzeug, das es nimmer läßt. Noch fühle ich des Aermchens süßen Druck, Mit dem es mich so schmeichelnd fest umhalst. Ich glaub', er liebt mich schon, mein kleiner Sohn. Wie süß ist diese erste unbewußte Liebe! Noch braucht er mich, noch bin ich seine Welt, Und wünscht er etwas, schaut er mich nur an. „Mama kann alles" sagt das Rinderauge. V, könnt ich etwas nur, dies liebende vertrauen Für immer doch in Deinem Kerzen wahren, Müßt, daß wenn einst die Rinderspiele ausgesxielt, wenn Du erst weißt, daß ich nicht alles kann, Du doch noch zu mir kommst, mein süßes Rind, wenn Dich ein schwerer banger Rümmer quält, Und noch wie jetzt das Haupt im Schoß mir bettest Und mir erzählst, was Dir die Welt getan. Vielleicht kann meine Liebe Dir doch helfen, Die Mutterliebe kann unendlich viel! Und kann ichs nicht, so kann ich mit Dir fühlen Und mit Dir weinen um verlorenes Glück. Nicht wahr, Du wirst es einstens nicht vergessen, Daß mir einmal Dein ganzes Herz gehört? Dann will ich einen kleinen Teil nur haben: Mitfreu de gönn' ich einer ganzen Welt, M i t l e i d e n soll mein Mutterherz allein. — Nicht wahr, Du kommst, mein süßes Rind? was können wir Mütter aber tun, daß unser Rind noch zu uns kommt und mit uns seelisch verbunden bleibt, auch wenn es das Paradies der Rindheit verlassen, in dem es mit geschlossenen Augen glücklich gewandelt? wenn nun das Leben es anschaut mit bangen fragenden Augen? Gder gar mit dem verführerischen Blick der Leib und Seele ertötenden Sünde? Lins vor allem können wir tun: wir können den Traum der Rindheit unseren Rindern so süß, so froh, so sonnig gestalten, daß dieser Traum sie durch ihr ganzes waches Leben begleitet, wie eine Melodie, die nimmer verklingt, wenn dann die Wellen des Lebens sie auf- und niederwerfen, wenn es um sie stürmt und tobt, wenn die Versuchung mit lockender Stimme ihnen in's Ghr raunt, dann steigt es wohl vor ihnen auf in stiller Rlarheit, das heilige Bild vom Elternhaus, und sie hären eine liebe warnende, beschwichtigende Stimme, die Stimme der Mutter, wer kann es wissen, wie oft solch eine plötzliche Erinnerung an sonnige Rindheitsstunden doch unsere Rinder schützt und ihnen einen Halt giebt, wenn sie draußen sind im Leben? Und wir jüdischen Mütter? Sägt es uns nicht eine Stimme tief, tief im Herzen, daß uns jüdischen Müttern von heute, die wir inmitten des hastenden Lebens stehen, noch eine besonders heilige Aufgabe geworden, die wir erfüllen müssen, wenn wir das sein wollen, was die neue Zeit von uns fordert und was wir fordern von der neuen Zeit, dazustehen als die gleichberechtigten und gleichverpflichteten Gefährten unserer Gatten und Erzieher unserer Rinder? Frisch und kraftvoll regt ein neues Judentum in unserem deutschen Vaterlande die jungen Schwingen. Die Besten unserer Glaubensgemeinschaft, die viele Jahre abseits standen, tragen ihm neue Liebe und Teilnahme entgegen. Ein starker Wille zum Judentum ist das Merkzeichen unserer jüdischen Gegenwart. Und wir Frauen wollten abseits stehen und nicht teil haben an diesem neuen Blühen und werden? In unsere Hand ist die Saat für die Zukunft gelegt; in die Herzen unserer Rinder müssen w i r die Liebe und Begeisterung für die Religion unserer Väter und Mütter pflanzen. wenn die Männer draußen im Gemeindeleben und in Verbänden dem Judentum neue Lebenskraft zuführen, so ist es an uns Müttern, unser Haus aufs neue mit der Poesie des jüdischen Familienlebens zu erfüllen, um der Zukunft des Judentums willen und um unserer Rinder willen. Wie kalt, wie öde mutet es unsere Rinder an, wenn sie an Freitagabenden und Festtagen heimkommen aus dem Gotteshaus, wo ihre kleinen Kerzen entflammt wurden für alles Gute und Schöne, wo ihnen Begeisterung für ihre Sabbate, für ihre Feiertage in die Seele gepflanzt wurde, und keine Feftesstimmung empfängt sie daheim, kein Sabbattisch ist ihnen gedeckt, kein Sabbatbrot, kein Festmahl wartet ihrer!