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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 41 (sequence 17)
Language
German
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Mütter nnd Kinder 41 wir nimmer missen möchten? 3«, ihr jüdischen Mütter der guten alten Zeit, bei euch war „das Glück im Winkel" zu Hause. Ihr machtet glücklich und wäret glücklich in euerem eng umfriedeten Heim. Zhr hattet in euerem geschäftigen Stillleben nicht die Muße, euch so viel mit euerem lieben Zch zu beschäftigen und euch in euer Leid zu verlieben. Euer Leben war vollständig ausgefüllt. Nur dem Gatten und den Rindern galt eure nimmermüde Sorge. Zhr lebtet mit eueren Rindern und in eueren Rindern. Aus der Mutter Mund vernahmen die Rinder zuerst die Geschichten der Bibel, die sie lieblicher dünkten als die schönsten Märchen. Der Mutter Mund lehrte sie zuerst beten zu ihrem Gott. Die Mutter wußte Rat für jeden Schmerz, der das kleine Rinderherz erfüllte. Die Mutter hatte immer Zeit für ihre Rinder. Sollen wir den Verlust der „guten alten Zeit" beklagen? Nein, jede Zeit hat ihr Licht und ihren Schatten, ihre Aufgabe und ihre Forderungen. Zn den Zentren, in welchen sich die moderne jüdische Bevölkerung heute in Deutschland zusammengedrängt hat, herrschen von den unserer Großmütter himmelweit verschiedene Verhältnisse. Die wirtschaftlichen Lebensbedingungen, der soziale Pflichtenkreis, die Bildungsanforderungen, die geselligen Verpflichtungen sind gänzlich andere geworden. Line neue Zeit fordert neue Menschen. Wir können nicht rückständig bleiben. Die jüdische Hausfrau und Mutter, wie sie uns als liebes Bild der Vergangenheit vorschwebt, mußte der modernen Frau Platz machen. Der modernen Frau! Ich meine nicht die Frau, die wir mit einer gewissen lächelnden Bewunderung betrachten, die nur sich selbst oder für Fremde lebt, aber für ihre eigene Familie keine Zeit mehr hat, die vor lauter Liebe zu anderen, ihre eigenen Rinder arm macht an Liebe und an häuslichen Feierstunden. Wohl sollen wir modern sein, wohl dürfen wir teil haben an all' den neuen Rulturwerten, die die Zeit geschaffen und müssen Mitarbeiten und mithelfen, wo die Not zu uns schreit, und die Pflicht der Menschenliebe uns ruft, wie könnten wir nur unsere Heranwachsenden Rinder verstehen und mit ihnen fühlen, wenn wir unsere Zeit nicht begreifen, wenn wir fern stehen all' den zeitbewegenden Fragen, die, ob wir es wollen oder nicht, unsere Rinder mit sich fortreißen? Aber wir müffen den richtigen weg finden, den Vorwurf zu entkräften, der oft gerade den ernst sozial arbeitenden Frauen gemacht wird, daß diese neu übernommenen sozialen Pflichten, sie zu sehr nach außen rufen und den Rindern die Mutter entziehen, wie viel härter aber noch trifft dieser Vorwurf d i e Mütter, denen die Pflichten der Geselligkeit und die Vergnügungen der großen Stadt es unmöglich machen, mit ihren Rindern zu leben! „Geh fleißig um mit Deinen Rindern, Habe sie Tag und Nacht um Dich und liebe sie, Und laß Dich lieben einzig schöne Zahre, Denn nur im Traum der Rindheit sind sie Dein." Za, wir müssen die Freundinnen unserer Rinder sein, wir müssen lesen können in ihrer Seele. Reine soziale und gesellige Pflicht darf uns davon zurückhalten, in erster Linie die vertraute unserer Rinder zu sein. Die Rindesseele ist ein gar feines, subtiles Ding, das sich, wie die Blume der Sonne, nur der Liebe erschließt, wenn unsere kleinen Lieblinge wissen, daß sie mit jedem Schmerz, mit jedem Leid und mit jeder Freude zu uns kommen dürfen, und wir für all' ihre kleinen Leiden und Freuden, die für sie ebenso wichtig sind, wie für uns unsere großen Sorgen, Mitgefiihl und Verständnis haben, dann werden sie uns auch ohne Scheu alles anvertrauen, was ihr kleines Herz bedrückt. Und dieses schöne Vertrauen wird sich erhalten, wenn der Rnabe zum Züngling, das Mädchen zur Zungfrau heranblüht. Zn der Zeit gerade, wo so viel Unverstandenes, Halbgeahntes, Sehnsuchtsvolles in den Seelen der Rinder ans Licht drängt, wenn sie sich selbst nicht verstehen und die Rätsel des Lebens begreifen möchten, dann kann am Besten die Liebe und das Verstehen der Mutter ihnen helfen. Haben wir nicht alle einmal betend und sinnend am Bettchen unseres Rindes gesessen und bangend in die Zukunft geschaut? wie ist's jetzt still im Rinderstübchen rings! Die kleinen Füßchen, die so schnell getrippelt, Das süße Mündchen, das so lieb geschwatzt, Sie sind jetzt tagesmüd.zur Ruh gebracht.

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