Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Mütter und Kinder o o O Q von Liebe zum Judentum und zum Frieden beseelt, den richtigen Weg bereits gefunden haben. Ich möchte hier nur noch den Legen hervorheben, den eine Einigung der Liberalen dem Gesamtjudentum gerade dadurch bringen kann, daß sie die indifferent Gewordenen Hund diejenigen, die im Begriffe stehen, es zu werden, uni sich schart und so dem Judentum erhält — ein Ziel, das herbeizuführen der Wunsch eines jeden Juden, dem die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt, sein muß, sei er nun für seine Person orthodox oder liberal. Mütter unä Xinüer. Von einer jüdischen Mutter. ls der große nordische Dichter seine Nora über die Bühne gehen ließ, hat er damit den modernen Frauentyxus geschaffen, jene Frau, die plötzlich sich selbst entdeckt, die fühlt, daß sie eine eigene Persönlichkeit ist, die sich selbst ausleben will. Leit diese Nora zu uns gesprochen, giebt es ein neues Märchen: „Die unverstandene Frau". Nur daß uns dieses Märchen nicht anschaut mit verträumten, unschuldvollen Märchenaugen, und daß es nicht für Kinder geschrieben ist, und — daß es kein schönes Märchen ist, dieses Märchen von der unverstandenen Frau. Vor einiger Zeit las ich eine kleine Skizze, ich möchte sie, so gut ich sie behalten, kurz wiedergeben. Ein Herr erzählt: In einer eisigen Neujahrsnacht fuhr ich gen Norden. Die Loux6fenster waren mit dichten Eisblumen bedeckt, der Zug war fast leer. Wer möchte in der Neujahrsnacht nicht daheim bei seinen Lieben sein? Nur mir gegenüber saß, fest in ihren pelz gehüllt, eine einsame Frau. Lin grauer Schleier war dicht vor ihr Gesicht gezogen. Unter dem einfachen Hütchen quollen widerspenstige goldene Locken hervor; durch den grauen Schleier sahen zwei dunkle große Augen sehnsuchtsvoll in die Ferne, und um den fein geschnittenen Mund lag ein weher, sehnsüchtiger Zug. wenigstens vermeinte ich all das zu sehen durch den grauen Schleier. Ich konnte meine Blicke nicht abwenden von der zarten Frauengestalt. Sie schien es schließlich zu bemerken, und da schlug sie mit einem süßen, aber ach so traurigen Lächeln den Schleier zurück und sagte: „Mein Herr, erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin Nora und ich kehre zurück zu meinen Kindern." . Diese Nora, die zu ihren Kindern zurückkehrt, war sie nicht eine jüdische Mutter? Das jüdische Mutterherz ist ein altmodisch Ding geblieben, und die wirklich jüdische Mutter von heute liebt, trotz all der modernen Schlagwörter von der „Selbstbestimmung des Weibes" und dem „Auslebenmüffen der Individualität" — ihre Kinder noch gerade so, wie die Mütter der Bibel ihre Kinder geliebt haben. Gewiß wollen wir diese Liebe nicht ausschließlich für die jüdische Mutter in Anspruch nehmen, aber diese tiefe Mutterliebe, dieser heilige Familiensinn ist ein Lebenselement der jüdischen Volksseele und die Wurzel ihrer Kraft, wenn eine jüdische Mutter sich freiwillig von dem köstlichsten Schatze, den ihr Gott gegeben, von ihrem Kinde trennt, dann ist es keine wirklich jüdische Mutter mehr, dann ist sie zu sehr von dem modernen Gift schon durchtränkt, und von dem altjüdischen Familiensinn ist nichts mehr an ihr haften geblieben. Ich sprach „von dem modernen Gift". Ja diese Hypernervosität, dieses sich Hineinbohren in ein krankhaft überspanntes Lmpfindungsleben, dieses schleierlose Enthüllen aller heimlichsten Sensibilität, dieser Persönlichkeitskultus auf Kosten der nächsten Umgebung ist ein schleichendes Gift, das unsere Großmütter und Urgroßmütter noch nicht gekannt haben. Sie waren weit glücklicher, weit zufriedener und in sich harmonischer, als wir es sind. Line solche liebe Frauengestalt mit schlicht gescheiteltem Haar, die die ganze Woche über die fleißigen Hände regt, nur immer für andere in selbstloser Güte sorgt und himmlischen Frieden um sich verbreitet, die fromm am Freitag Abend im sabbatstillen Stübchen die hellen Sabbatkerzen entzündet — ist nicht ein wehmütiger Hauch von verlorener Poesie um sie gebreitet, ist sie nicht eine süße sehnsüchtige Kindheitserinnerung, die