Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Jusrirnrt Ar. Msu: Air rrLigiöserr Nichtungen inr deutschen Judentum ihren andersgläubigen Mitbürgern in nähere Berührung kamen, die fortgeschritteneren Elemente die Oberhand und konnten sich, ihrer Auffassung und ihren Bedürfnissen entsprechende, religiöse Einrichtungen schaffen, wodurch wiederum die Orthodoxen sich abgestoßen fühlten; sie begannen sich vom Gemeindeleben zurückzuziehen und besonders da, wo der herrschende Liberalismus sich ihnen gegenüber intolerant zeigte, eigene Institutionen zu schaffen, die sich in der Holge zu orthodoxen Separat-Gemeinden herausgebildet haben, tväre um diese Zeit der Bildung orthodoxer Separat-Gemeinden der jüdische Liberalismus stark und für Erhaltung des jüdischen Erbguts begeistert genug gewesen, hätte er sich weniger kritisch an der Orthodoxie, und mehr positiv ausbauend betätigt, so hätte er für das Judentum Großes leisten können; er hätte z. B. durch eine Organisation der Nichtorthodoxen die versprengten Liberalen in den kleineren Gemeinden sammeln, die von der Orthodoxie sich Abwendenden, deren Zahl sich von Tag zu Tag mehrte, um sich scharen und dadurch verhindern können, daß diese Elemente in einen öden, unfruchtbaren Indifferentismus verfielen, viele unter ihnen sogar vom Judentum ab und den herrschenden Religionen zusielen. Indem er dies gar nicht oder nur in unzureichendem Maße tat, ist es gekommen, daß die Zahl der Nichtorthodoxen und der Abfall von Jahr zu Jahr größer wurde, ohne daß der positive jüdische Liberalismus an Stärke und Einfluß gewann. Die Orthodoxie wurde schwächer, aber der Liberalismus nicht stärker — das Judentum verlor gewaltig an intellektuellen, moralischen und — last bat not least — an materiellen Arästen. Aber auch die Orthodoxie ist nicht sreizusprechen von der Schuld, die Güter des Judentums nicht vermehrt, sie geradezu vergeudet zu haben; ja ein gewisser, zwar an Zahl immer kleiner werdender, aber durch seine an Fanatismus grenzende Begeisterung, feine große Dpferfreudigkeit und feinen aus hier nicht näher zu erörternden Gründen nicht geringen Einfluß auf die Regierung und die herrschenden Parteien mächtiger Teil, macht sich dessen auch heute noch immer schuldig. Dieselben Leute, die dem jüdischen Liberalismus, wo er in den Gemeinden zur Macht gekommen war, mit Recht vorwarfen, daß er ihnen gegenüber intolerant verfuhr, indem er seine Richtung für die allein richtige und berücksichtigenswerte hielt und ihnen nicht das gewähren wollte, was ihnen nach ihrer Anschauung zur Führung eines jüdischen Lebens erforderlich erschien, sie machten sich da, wo sie zur Macht gelangt waren, der gleichen Intoleranz schuldig. Die Separatisten wagen es sogar, ihre Richtung als die allein richtige zu bezeichnen, den nicht auf ihrem Standpunkt Stehenden das Judentum abzusprechen und vor aller Melt den Anspruch zu erheben, daß überall da, wo das Judentum Berücksichtigung erheischt, an Stelle des Judentums ihr Judentum gesetzt werde. Hat man sich doch sogar nicht gescheut, in aller Deffentlichkeit von „katholischen" und „protestantischen" Juden zu reden und zu erklären, daß die „katholischen" Juden den wahren Thristen viel näher stünden als den „protestantischen", den Resormjuden. Wenn schon einmal ein Vergleich beliebt wird, so wäre der zwischen orthodoxen und liberalen Protestanten viel zutreffender; man wählt ihn aber nicht, weil die orthodoxen und liberalen sDrotestanten in Gemeinden vereinigt sind und nach außen einig gehen. In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als hätte diese Richtung oder besser diese Schattierung im orthodoxen Lager weit mehr Einfluß als ihr nach Zahl und geistiger Bedeutung zukommt, sodaß es fast aussah, als gewänne sie, die eine Scheidung der Orthodoxie vom Liberalismus auch nach außen herbeiführen will, die Oberhand. Glücklicherweise mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, daß die Führung der nichtseparatistischen Orthodoxie, die ich um deswillen die Gemeindeorthodoxie nenne, weil sie mit den Liberalen in einer