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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 37 (sequence 13)
Language
German
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Justizrat Ar. Mau: Air religiösen Richtungen iur -rutschen Judentum 37 Die religiösen Kiciitungen im cleutscöen Judentum. Von Justirrat Pr. 6Iau-?rankfurt a. m. ie Stellung der Orthodoxie innerhalb des deutschen Judentums kann nur begriffen werden, wenn sie und ihr Widerpart im Innern — nach außen tritt das Judentum geschloffen aus —, der jüdische Liberalismus, geschichtlich bis an den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Als nach der französischen Revolution den deutschen Juden die Tore der Ghetti sich zu öffnen begannen, zeigte das damalige Judentum das traditionelle Gewand, das es in den finstersten Jahrhunderten des Mittelalters angenommen hatte: Der Schulchan Aruch gab die alleinige Norm für das jüdische Leben; wer ihn bewußtermaßen nicht in allen seinen das Wichtigste und Unwichtigste im Leben regelnden Bestimmungen befolgte, war ein „Posche Jissroel“, ein Sünder in Israel, und da das offizielle Judentum der Aneignung moderner Bildung feindlich gegenüberstand, war die Präsumtion begründet, daß jeder Gebildete ein „Posebe ^i^roöl" sei. Diesem bildungsfeindlichen Schulchan-Aruch- Iudentum erstanden zwei Gegner: Der eine wendete sich nur gegen feine Bildungsfeindlichkeit. Gr huldigte der Anschauung, daß Thora, die Befolgung desReligionsg e s e tz e s, so wie es der Schulchan-Aruch aus dem Talmud, den Dezisoren und dem Minhag seiner Zeit im J6. Jahrhundert festgestellt und wie es sich in den Jahrhunderten der Verfolgung für die Erhaltung des Judentums auf das Vorzüglichste bewährt hatte, — in Verbindung mit dem Glauben an seine ewige Verbindlichkeit (als in allen seinen Teilen wörtlich und unverändert auf unsere Zeiten tradierte Offenbarung Gottes) durchaus vereinbar sei mit-Derech Grez, der Bildung der Zeit. Das ist die von Männern wie Samson Raphael Hirsch, Israel Hildesheimer, Selig mann Baer Bamberger, Markus Lehmann getragene, von Manchen nicht mit Unrecht im Gegensatz zur bildungs- und reformfeindlichen Altorthodoxie Neuorthodoxie genannte Richtung; sie selbst nennt sich schlechtweg orthodox oder noch lieber traditionell-ges e tz e s t r e u. Der zweite Gegner bekämpfte nicht nur die Bildungsfeindlichkeit, sondern in gewissem Maße auch den Schulchan-Aruch. Weder gilt ihm seine jüdische Lebensregel als ewig unverbrüchliche Norm, deren auch nur geringste Uebertretung zum Sünder in Israel macht, noch erscheint ihm das Gesetz in der überlieferten Horm — dem überlieferten Inhalt und Umfang des Schulchan-Aruch — verbale Inspiration Gottes. Diese Richtung nannte sich liberales oder Reformjudentum; ihre neuorthodoxen Gegner nennen sie mit Vorliebe „Neologe".' heute, wo das bildungsfeindliche Schulchan- Aruch-Iudentum unter den deutschen Juden so gut wie gar gar keine Anhänger mehr zählt, existieren als Parteien oder besser Hauptrichtungen im deutschen Judentum nur noch die beiden Gegner der Allorthodoxie: Neuorthodoxie und liberales Judentum, beide allerdings verschiedene Schattierungen aufweisend, welche das in den verschiedenen Gemeinden verschiedene Verhältnis der beiden Richtungen zu einander hervorgerufen hat. Während nämlich in den vom modernen Verkehr weniger fortgerissenen Gemeinden regelmäßig die orthodoxe Richtung die maßgebende blieb, wodurch in diesen die in der Minorität befindlichen Liberalen — diese waren fast immer die Gebildeten, namentlich die Akademiker — sich dem Gemeindeleben entfremdeten, erlangten in den Großstädten in dem Maße, in dem die Juden dort infolge ihrer immer mehr sich entfaltenden Teilnahme an Handel und Wandel, am geistigen, politischen und sozialen Leben mit

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