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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 36

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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36 Ar. S. Samuel: Unsrer Bewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht ° ° autonomen Gemeinden bilden müßte. Dort würden sich Lehre und Leben, wissenschaftliche Erkenntnis und die Forderungen des Tages begegnen, und dort vielleicht unter manchen Kämpfen und großen. Anstrengungen doch einmal das dem heutigen Juden gemäße Judentum geboren werden. Im Vertrauen auf diese hier bezeichneten Mächte werden wir auch dadurch nicht erschüttert, daß man uns die angeblich so geringen Leistungen der jüdischen Theologie und die noch kläglicheren praktischen Resultate der drei Rabbiner- und der beiden Gesamtsynoden vor Augen führen will. Denn jene Leistungen und diese Resultate werden einmal ganz anders eingeschätzt werden, als heute in unserer so verzagten Zeit. In Wirklichkeit leben Hunderte von Gemeinden von den Errungenschaften jener, 30 Jahre lang so außerordentlich kräftig pulsierenden Bewegung, deren Wiederbelebung in erhöhtem Geiste und unter Vermeidung mancher Fehler wir uns angelegen sein lassen. Es zehren daran nicht nur liberale, nein, auch orthodoxe Gemeinden; die, um nur einen gewaltigen Faktor zu nennen, die deutsche predigt ohne die neujüdische Bewegung nicht besäßen, so heftig sie dies auch bestreiten. Ja, die Geschichte lügt nicht. Sie ist es auch, die uns zuruft: Ans Werk! Noch immer hat sich gezeigt, daß wo die edlen liberalen Kräfte brach lagen, die extremen die Oberhand gewannen, also nicht nur die reaktionären, sondern auch die zersetzenden. Mit destruktiven Elementen haben wir keine Gemeinschaft. Gewitzigt durch die Erfahrungen der letzten Jahre, gewarnt durch so manchen Fehlschlag, werden, so hoffe ich aus tiefstem Kerzen, die Gemäßigten unter uns die Oberhand behaupten. Unser pietätvolles Verständnis der Vergangenheit, unser leise bewegliches Gewissen in all' den feinen und zarten religiösen Fragen des Herzens, die Ehrfurcht vor strenger, wenn auch manchem unbequemer Wissenschaft und Forschung; die Anerkennung des schwer erkennbaren Gesamtwillens mögen dafür bürgen. Unser Schritt für Schritt wohlbedachtes Vorwärtsschreiten, unser Wunsch, auch Andersdenkenden gerecht zu werden, unser Bestreben, auch Minderheiten in echt liberaler Weise zu beschützen und zu berücksichtigen, soweit es mit dem Interesse für die Gesamtheit irgend vereinbar, wird uns das Vertrauen immer weiterer Kreise gewinnen; und wenn es einmal zu einer Entscheidung kommen sollte, nicht allein die leeren Sympathien, sondern auch die gewichtigen Stimmen des Volkes zu eigen machen. Der Glaube an die Güte, nein, auch an den Sieg unserer Sache darf uns bei alledem nicht fehlen. Er ist zugleich der Glaube, daß sich die Mächte der Zukunft mit uns, und nicht mit unfern Gegnern verbünden werden. Während diese ängstlich jedes Wehen eines neuen, fteien Lufthauchs beargwöhnen müssen, er komme, woher er wolle, sehen wir aus dem Fortschritte der Menschheit nur Hilfskräfte uns entgegenwinken. Wir .arbeiten diesem Fortschritte ja selbst in die Hände, mit unseren schwachen Kräften, an dem kleinen, unserm Einfluß zugänglichen Bruchteil einer lichtfteudigen Menschheit. Indem wir den Genius der Zeiten mit uns zu wissen glauben, können wir sagen: Heute ist es Zeit, für Gott zu wirken! sonst müßten wir lieber ganz ablassen, und auf bessere Zeiten harren. In jener Zuversicht aber wachsen uns die Schwingen und entmutigt uns keineswegs die noch so kleine Schar unserer überzeugten, und noch kleinere unserer arbeitsbereiten Anhänger. Wir möchten diese vielmehr, wie der von Feinden umringte Elisa seinen kleinmütigen Jünger in der rührend-schönen Szene zu Dothan,*) nach den Bergen weisen, damit sie sehen, daß mehr der Unsrigen, als der Ihrigen sind. „Herr, öffne diesem die Augen", betete damals der streitbare profet. Und da sie ihm geöffnet sind, erscheinen dem Jünger auf den Höhen die unsichtbaren, aber nicht unwirklichen Himmelsscharen, „viel feurige Rosse und Wagen". *) 2. Könige 6, \5—\7.

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