Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126485--0043-3126806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

o o Ae. K. Krrmuel: Unsere Bewegung^ eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht 35 einsehen, daß die Befreiung der jüdischen Theologie und des praktischen jüdischen Theologen aus unnatürlichen Ueffeln mindestens so viel zur Hebung der Gesamtheit leisten könne, als die Erkämpfung politischer Rechtsgleichheit, solange wir selbst den Regierungen unsere Geringschätzung gegen jüdische Theologie und gegen den Rabbinerstand, sei es aus Eifersüchtelei oder aus törichter Selbstüberschätzung zu erkennen geben, solange werden jene auch mit tiefer Geringschätzung und Nichtachtung des Judentums als einer unkontrollierbaren Laienansicht gewisser Staatsbürger antworten; sie werden fortgesetzt verdienstvollen Juden Brosamen zuwerfen, das Judentum aber darben lassen und mit bloßer Duldung kränken. Mehr Vertrauen daher zu der läuternden und erweckenden Arast einer liberalen Theologie und ihrer begeisterten Träger! Mir wiesen oben aus die Gebundenheit der orthodoxen, jüdischen Theologie hin; die liberale wird das Judentum nicht aus dem Zusammenhang aller übrigen Missens- und Aulturmächte reißen, sondern aus ihnen begreifen, an ihnen messen, durch sie sortentwickeln Helsen. Sie wird vor allem die heilige Schrift ohne dogmatische Befangenheit erforschen, konstitutive Momente von zufälligen, religiöse von abergläubischen unterscheiden, kurz das Erbe der Vergangenheit mit eigenem Geiste durchdringen. Sie wird bis zu den Motiven der älteren Gesetzesbestimmungen herabdringen, und ergangene Entscheidungen aus ihre Berechtigung und ihren Aompetenzkreis prüfen; sie wird den maßgebenden Charakter älterer Autoritäten in Frage ziehen, und sogar bestreiten, sobald sich ergeben sollte, daß diese von ganz anderen Voraussetzungen, als den heute gegebenen ausgingen, grundverschiedene Möglichkeiten der Nachachtung im Auge hatten, dagegen von den Seelenmächten unserer Gegenwartsmenschen keine Ahnung besitzen konnten. So würde sie eine Macht im Judentum werden, aus die man sich gern stützte, weil sie den Meg bahnt zwischen Pietät und Selbständigkeit, zwischen Autoritätsglauben und freier Gewissensbindung. And auf diesem Mege wird uns alsbald eine andere Hilfsmacht begegnen, die wir den zur Alarheit über sich selbst gebrachten Gesamtwillen der Gemeinde nennen können. Auf diesen aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst von Zacharias Frankel, neben Geiger dem größten jüdischen Theologen des vorigen Jahrhunderts. Im \. Aufsatz des \. Bandes seiner „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums" Berlin führt er etwa folgendes aus: „Mas sich durch die Gesamtheit verbreitet, vom Volk allgemein ausgenommen ist, das kann durch keine Autorität aufgehoben werden (Aboda fara 56; Maimon., hilchot Mamrim 2, 2). Das Volk gibt, solange in ihm religiöser Sinn sich findet, nicht freiwillig sein Heiligtum auf; dieser Miderstand selbst ist ein Zeichen des Lebens. . . . Doch gelangen wir an der Hand des gedachten Grundsatzes, vermittelst einer folgerichtigen Analogie, auf den Meg, auf welchem die im Judentum zugestandene Berechtigung zu reformieren zur Verwirklichung kommt: Das Volk entscheidet über sich selbst. Eine solche Anerkennung wird im Judentum dem Volke ausdrücklich zugestanden: es kann selbst eine frühere, religiöse Verordnung, so sie bei der Gesamtheit nicht Eingang gesunden, aufgehoben werden, sowie bei religiösen Verordnungen vor deren Erlassung darauf zu sehen ist, ob sie Eingang finden werde. Die Schule allein entscheidet nicht; das Leben akkommodiert sich ihr nie ganz; das Leben stößt auch manches im Laufe der Zeit zurück." Der Gesamtwille also giebt den Ausschlag, das eine, wie das andere Mal; eine andere, eine höhere Autorität giebt es im Judentum überhaupt nicht. An uns aber wäre es, diesem Volkswillen zum Ausdruck zu verhelfen. Mährend die Orthodoxie jeden Gedanken des Zusammenwirkens von Theologen und Laien von sich weisen muß, weil nur die Schristgelehrsamkeit herrschen dürfe, so gelangen wir folgerichtig zu der Jede einer Synode, die die höhere Instanz der in der Durchführung des Einzelnen in weitem Maße

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.