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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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34 Pr. S. Samuel: Unsere Bewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Wucht heraussuchen, in unfern Bau einfügen, in neuem Glanz erstrahlen lassen. Auf diesem Wege giebt es zuerst mehr Dornen, als Rosen; sicher mehr Kraftanstrengung und Unruhe, als müßiges Behagen. Aber wollten wir es denn nicht so? „Nur der Lebende hat Recht", sagt der Dichter; Leben aber heißt Bewegung und Betätigung, Stillstand ist Tod. Der große Rechtslehrer Ihering hat nachgewiesen, daß auch das kleinste Recht nur dem Kampfe zu verdanken sei, das kleinste Unrecht aber, geduldet, eine Versündigung am Geiste des Rechtes wäre. Ebenso hat der religiöse Liberalismus um jede seiner Forderungen zu kämpfen und mit derselben Energie und Gpferfreudigkeit einzutreten, die wir beim Gegner wahrzunehmen gewohnt sind, positive, liberale Ideen sich selbst zu überlassen, in der vagen Soffnung, daß sie sich irgend einmal selbst durchsetzen werden, heißt der Orthodoxie das Feld überlassen, ja die Bahn bereiten. Auch wenn sich der Liberalismus mit leeren Deklamationen von Zeit zu Zeit begnügte, erfüllte er nicht entfernt seine Pflicht. Werden unsere Liberalen auch ferner dem synagogalen Gottesdienste fernstehen, dem jüdischen Leben in Schule und Saus, in rituellen und wohltätigen Einrichtungen ihre Gleichgiltigkeit entgegenbringen, dann sind sie ein leicht zu nehmender Faktor. Dann werden sie mit Recht dem Spott der Gegner ausgesetzt sein und jenem selbstbewußten Übermut, der in den letzten Jahren eine unerhörte Stärke angenommen hat. Sobald wir uns aber ermannen und alle geschilderten Gefahren vermeiden, dann werden uns einige unsichtbare, aber nicht unwirkliche Gewalten zu Silfe kommen, die für die Orthodoxie nicht vorhanden, vielmehr ihre stillen Feinde sind. Da ist zuerst die Wissenschaft. Es ist unsere unerschütterliche Überzeugung, daß der Tiefstand des deutschen Judentums nicht allein in religiöser, sondern selbst in politischer Beziehung mit dem Verfall der jüdischen Wissenschaft seit dem Tode Abraham Geigers Sand in Sand gegangen ist. Die Wissenschaft, die wir meinen, ist aber nur die jüdische Theologie. Eine Kirche, die keine wissenschaftliche Theologie, keine Fakultät und keine praktischen Theologen mit freier Schaffensmöglichkeit besitzt, ist unweigerlich dem Verfall und allen Wächten des Rückschritts preisgegeben. Das haben die letzten Jahrzehnte bis zur Evidenz erwiesen. Darum war es eine verheißungsvolle Tat, daß die Führer unserer neuen Bewegung sich sofort mit der zukunftsfreudigen, liberal-jüdischen Theologie verbündet haben. Es ist kein billiges Triumph gefühl, das uns so sprechen läßt, sondern die Freude, daß die Erkenntnis für eine der unentbehrlichsten Vorbedingungen des geistigen Aufschwungs sich Bahn gebrochen hat. Der liberale Jude kann, sofern er Jude sein und bleiben will, der liberalen jüdischen Gotteswissenschaft nicht entraten. Es ist ein müßiges Gezänk, ob es im Judentum Priester und Laien gäbe, oder nicht. Daß es Gelehrte und Ungelehrte gab, hat die für die Schwächen des Judentums so treffsichere, christliche Theologie noch bis heute allzeit weidlich ausgenützt. Gerade darum sollen sich beide gegenseitig schätzen lernen und zu gemeinsamer Arbeit verbinden, zum Wohle der Gemeinden. Aber den Wissenden gebührt Achtung; nicht sklavische Autorität, wie in der Orthodoxie, wohl aber das erste Wort und das ausgiebigste Gehör. Als vor einigen Jahren eine Tageszeitung eine Rundfrage des Inhalts veranstaltete: Brauchen wir noch den evangelischen j)astor? kamen, gewiß zu vielfacher Ueberraschung, nur freudig bejahende Antworten. Gerade Koryphäen deutschen Geisteslebens, ein Wommsen u. a. äußerten sich in begeisterten Worten über die Silfsarbeit des Geistlichen für eine echte, tiefgreifende Volkskultur, und viele führten die Segemonie der protestantischen Kirche auf ihren auf hohen Schulen streng akademisch-gebildeten Theologenstand zurück. Nur wir Juden wollten lange nicht

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