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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 33

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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o o o o Ar. S. Samuel: Nufere Bewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht 33 Geldgeiz. N)ir dürfen nicht mit Liebenmeilenstiefeln in nebelhafte Regionen schreiten, gleichviel, ob einer uns Nachfolgen kann, oder nicht. Unfruchtbarer Dogmatismus, konfequenzheifchende Logik, fanatische Beweiswut sind schlechte Berater auf religiösem Gebiet, Wir haben uns in die Leele des einfachen Mannes zu versetzen, und wären für unsere Aufgabe verdorben, wenn wir für ihre Regungen und Ltrebungen, ihre Bedürfnisse und Wünsche, ihre Kräfte und Krücken kein Verständnis besäßen. Unempfindlich dürfen wir für keine religiöse Instanz sein, — auch nicht für Pietät des Einzelnen und Herkommen der verschiedenen Gemeinden — aber wir wollen jede vor das Forum des Rechts und der Wahrhaftigkeit stellen. Um eines also möchten wir bitten: nicht zu gering gedacht vom einfachen Manne! Er ist noch nicht unrettbar dem Gewohnheitsglauben verfallen. Wir sind oft überrascht, wieviel Quellen der Aufklärung er sich zu erschließen weiß, und betrübt, wenn es nicht immer die lautersten sind, und sein ungeleiteter Verstand wohl gar bei einer unüberwindlichen Zweifelsucht anlangt. Nehmen wir uns also seiner an, suchen wir ihn für uns zu gewinnen, und wir werden erfahren, wie allgemein ein Wort Adolf Harnacks gilt:*) Die Menschen neigen sich, wie die Pflanzen, unwillkürlich dahin, woher ihnen das Licht zuströmt. Aufgaben, nichts als Aufgaben! — wird man sagen. Wohl; aber doch wenigstens positive. Ich sagte schon oben, jeder etwaigen Lösung des Gewissens soll eine Bindung parallel gehen. Wir dürfen weder Freunden noch Gegnern das Vergnügen machen, die erste Ltoßkraft des Neuliberalismus auf die Nieöerlegung ohnehin morscher Lchranken zu verwenden. Haben wir es etwa noch nötig, dem Großstädter die Benutzung der elektrischen Ltraßenbahn am Labbat zu gestatten? Ich fürchte, nein. Aber eine liberale Gemeinde zu vermögen, daß sie in ihrer großen Mehrzahl sich auf \ — 2 Ltunden, und sei es auch am Freitag Abend, am sabbatlichen Gottesdienste beteilige, das tut not. Brauchen wir dafür einzutreten, daß man Damen nicht ferner von Lynagogen - Thören ausschließe? Ich glaube kaum. Daß aber die Konfirmation der Mädchen zu einer allgemeinen, ausnahmslosen Einrichtung liberaler Gemeinden werde, dafür müßten wir sorgen. Lollen wir dem sog. Ehaliza-Brauch den letzten Ltoß versetzen, den schon die Leipziger L^node abrogiert hat, weil er in seiner jetzigen Übung zum Widersinn geworden ist? Gewiß nicht. Aber den vom bürgerlichen Gericht geschiedenen Ehemann gegen seinen Willen zur Herausgabe des Lcheidebriefs vermögen, das wollen wir allerdings versuchen. Und darin darf uns kein Geschrei über die Antastung des geheiligten jüdischen Familienlebens beirren. Es wäre gut, wenn sich diese Heiligung der Ehe in den osteuropäischen jüdischen Bezirken mehr in der Besonnenheit bei der Familiengründung und im größeren Verantwortlichkeitsgefühl gegen Weib und Kind bekundete, — womit wir wahrlich die inneren Lchäden gesellschaftlich tadelloser Ehen bei westeuropäischen Juden nicht beschönigen wollen. Gerade da zeigt es sich, daß nicht an den Formen und Riten allein zu bessern ist, sondern auch wohl an dem in unheilsame Bahnen gedrängten Geist der Gesetze. Wir gehen von der Heiligkeit des Mofaismus aus und erkennen die strengsittliche Tendenz der Tradition in allen ihren Ausstrahlungen an. Aber gerade weil unser Ziel ein positives, dem Erhalten und Fördern, dem Bauen und Pflanzen gewidmetes ist, werden wir manche der reinsten Ideen erst wieder aus der Verschüttung befreien, aus der Verdunkelung hervorziehen müssen. Was wir vor uns sehen, ist an vielen Ltellen eine Trümmerstätte; anderes ist dem Einsturz nahe. Das neue Ltockwerk wird nicht auf einen Zauberwink dastehen; aber wir wollen das Wertvolle aus dem Lchutte *) Reden und Aufsätze I.

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