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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 Ar. S. Säumet: Unsere Bewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht 0 0 0 0 Mir müssen uns von vornherein sagen: Die selbstgewählte Aufgabe ist die schwerste, die wir uns stellen konnten. Gegner ringsum — doch so wollten wir es ja. Die Macht der Gewohnheit, die Bequemlichkeit, andere für sich denken zu lassen, die Lust, dem freier Gesinnten unlautere Motive anzusinnen, damit müssen wir rechnen. Mollen wir also vor schweren Mißgriffen bewahrt bleiben, so müssen wir die in unserer neuen Position selbst lauernden Gefahren genau erkennen. Es ist zunächst klar, daß jede Selbstbefreiung leicht mit einer Art Aühnheit, einer Ueberschätzung der eigenen Arast verknüpft, und also besonders im Anfang geneigt ist, auch heilsame Grenzen zu überspringen, wichtige Rücksichten außer acht zu lassen. Mir sind tief davon durchdrungen, daß uns ideale Gesichtspunkte leiten; dennoch kann sehr leicht, was ideal begann, in materiellen Niederungen enden. Gin Beispiel: Es ist klar, daß jeder Versuch, gewisse überspannte Bindungen der Speisegesetze auf ihre Giltigkeit zu prüfen, von den Gegnern nur so ausgelegt werden wird, als ob uns der Appetit auf geräucherten Schinken und Hummermajonaise keine Ruhe gelassen habe. Mir mögen uns wehren, wie wir wollen, etwas davon bleibt an uns haften. Jede Erleichterung übertriebener Sabbatstrenge wird als Begünstigung des ohnehin kräftig entwickelten Geschäftssinnes gebrandmarkt werden; und so fort. Aber wir haben ein vornehmes Mittel an der Hand, das wahre Münder tun kann: Jeder Lösung des Millens muß eine Bindung gegenüber st ehen — das sei unser geheiligter Grundsatz. Mer sich selbst nicht befehlen kann, der ist in Mahrheit ein Anecht. Mir wollen die bloße unterwürfige Gesetzestreue durch freigewonnene Ueberzeugungstreue überwinden; ein solches Merk kostet Mühe. Mir wollen nicht mehr die kleinen Entbehrungskünste derer bewundern, die sich die Milch im Aaffee versagen; aber wir müssen für unsere eigene Art glühender Anhänglichkeit ans Judentum die moralische Anerkennung erzwingen. Auch in unseren Areisen muß eine Liebe zum Judentum gepflegt werden, die jeden Gedanken, als könnten wir etwas anderes sein, als Juden, von selbst ausschließt; jedes feige Liebäugeln mit dem herrschenden Bekenntnis noch härter verurteilt, jeden Abfall zur Schande macht. Mir müssen, um es klar zu sagen, nicht allein das reinere, nein das ernstere Judentum bekennen. Ein solches haben wir auch gegen diejenigen freigeistigen Juden zu betonen, die einer extrem-liberalen Strömung folgend bei der Bekämpfung jeder Aonfession, also auch der jüdischen angelangt sind, der ethischen Aultur, oder dem Monismus nahestehen, und uns höchstens das Recht auf eine philosophische Gottesidee zubilligen wollen, die ein himmelsferner, ätherischer Gedankenstreif, niemals aber die allgewaltige Zentralmacht des Gemüts sein darf. Mie sehr wir uns davor zu hüten haben, wird sogleich noch von einer anderen Seite klar werden. Es liegt nämlich wiederum im Mesen des Liberalismus, daß er eine zentrifugale, ja zersplitternde Mirkung ausübt; er will ja jeden auf sich selbst stellen. Autoritätsgläubige bilden schnell eine Gemeinde; Freigesinnte bauen sich ihre eigene Melt, jeder für sich, in der er sich aber auch nur allein zurechtfindet. Man hat dem politischen Liberalismus nicht ganz mit Unrecht „ein spezifisches Nichtverstehen der Massen" vorgeworsen, und dagegen auf die durch gewisse Ideen zusammengeschmiedeten Aolonnen, hier des Zentrums, dort der Sozialdemokratie hingewiesen. Der jüdische Liberalismus darf also den Zusammenhang mit der großen Menge, besser gesagt mit dem einfachen Manne nicht verlieren. Es ist weder ritterlich, noch klug, den Schwächeren hilflos am Mege zu lasten; ihn verbittert Geisteshochmut noch mehr, als

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