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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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Ar. S. Samuel: Unsere Bewegung» eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht 31 bildet sich aus und maßt sich immer mehr die Alleinherrschaft an; seine abstoßende und ausschließende Tendenz aber muß dem Judentum um so gefährlicher werden, als es nicht einmal, wie andere Bekenntnisse, ein erzwungenes äußeres Wohlverhalten mit erstrebenswerten Gegengeschenken belohnen kann. Man muß das Judentum uneigennützig, ganz um seiner selbst willen lieben; darum muß es Wert darauf legen, liebenswert zu sein. Und diese Rraft könnte es seiner innersten TendenZ nach entfalten, lastete nicht die Hand der Orthodoxie auf ihm. Diese kann nicht anders, als ein hartes Bevormundungss^stem einführen, unter dem sich nur unselbständige Naturen glücklich fühlen. Non ihrem selbstsicheren Standpunkte aus lohnt und straft sie, lobt und tadelt sie, erklärt rein und unrein; ja sie verschenkt an besonders treue Untertanen die höhere Rlaffe des von ihnen gehüteten Roscher-Ordens: „Streng-koscher". Sie reicht von der Wiege bis zum Grabe, greift in die zartesten Familienbeziehungen ein, beargwöhnt das Gericht im Topfe, den Bissen im Munde. Solchem Regime gegenüber gestehen wir dem jüdischen Gemeindemitglied eine sittliche Nötigung zu, wenn er unserem Rufe folgt und der jüdisch-liberalen Bewegung sich anschließt. Und endlich: unsere Bewegung ist eine Forderung des für die Zukunft des Judentums verantwortlichen Juden. Die trüben Besorgnisse, als könnte dem gehetzten Judentum der Atem ausgehen, schrecken nicht den, der die ungeheueren Entwicklungsmöglichkeiten bedenkt, die in ihm ruhen. Ist es wahr, daß jeder Jude gleichsam vom Sinai beschworen sei, an seinem Teile für den Fortbestand des teuren Gottesbund.es zu sorgen, dann wird er diese Pflicht an der Heranwachsenden Generation, bei der Erziehung der Rinder mit besonderem Ernste zu verwirklichen suchen. Wir fassen uns kurz in diesem Punkte, nicht weil er unwichtig wäre, sondern weil wir die großen, pädagogischen Fragen besonderer Erörterung Vorbehalten wissen möchten. Nur das sagen wir hier: es ist eine sittliche Nötigung, den Rindern dasjenige Judentum mitzugeben, von dem wir glauben, daß sie es zu tragen vermögen, d. h. mit Geist und Gemüt erfassen werden. Wie leicht ist es doch, unmündige Kinder in den Bann der wohlgezählten 6^3 Gottespflichten zu schlagen, da ihre Auffassung vom göttlichen Willen und Walten so mythisch, so undifferenziert, so ungeschichtlich ist. Aber wird dieser Rreis seine magische Rraft in den Fluten des Lebens bewähren? Die Erscheinungen des täglichen Lebens rufen ein hundertfältiges Nein l So wollen wir sie denn nur in ihrer kindlichen Weife lehren, was sie später als eigene Wahrheit zu erfassen imstande sein und nur das Vorleben, was sie uns nachleben werden. Auch dies erfordert viel Selbstbeschränkung und Nachprüfung, viel sorgfältiges Wählen und Wägen. Geschieht es aber im Geiste der Wahrhaftigkeit und wohlbemessener Freiheit, dann sind wir unseren Rindern auch wirkliche religiöse Führer und Erzieher, und ihres unauslöschlichen Dankes gewiß. * * rill. Drängt nun alles auf eine freiere Betätigung des Judentums hin, so erhebt sich alsbald die ernste Frage: Werden diese sittlichen Motive auch die nötige Energie entwickeln, um aller Schwierigkeiten Herr zu werden, und sich in der Welt der Tatsachen durchzusetzen? Welche Mittel müssen wir ergreifen, welche Wege wandeln, um allzeit die Lauterkeit unserer Gesinnung und die Hoheit unserer Ziele zu bekunden?

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