Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o »i I, il I 3 iT 3 H" 3 i tj 80 Ar. S. Kamuel: Unsere Sewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht Nun könnte der Aufschwung wohl von den religiösen Führern kommen. Allein da ist das Elend am größten. Alan weiß nicht, was man mehr beklagen soll: plumpe Reformer, die vom Wissen unberührt, in der Synagoge wie Zerstörer wüten; wohlmeinende, aber zaghafte Männer des diplomatischen laisser faire, laisser aller; oder jene Autoritätsnarren, die eine eigene, religiöse Meinung nicht verantworten können, dafür aber die des nächsten orthodoxen Rabbiners um so fanatischer verfechten. Daß wir richtig zeichnen, wird sofort klar, wenn wir an einen Ronflikt denken, der sich etwa aus dieser Atmosphäre der Unaufrichtigkeit erhöbe. Angenommen, die liberale Mehrheit stellt wirklich die Forderung, eine Verbesserung eingeführt zu sehen, die sich an anderen Orten unter Autorität liberaler Rabbiner und Gelehrter durchgesetzt und bewährt hat. Dann werden die sofort eingeholten Gutachten orthodoxer Wortführer die ganze Gemeinde für den Fall der Neuerung in den Bann tun, des Judentums verlustig erklären und die arg bedrängte Minderheit zur 86668810 plebis, zum Abbruch aller Beziehungen auffordern. (D, diese Gutachten! Rönnen sie noch ernst genommen werden, da sie doch nichts sein dürfen als Verbeugungen vor dem Götzen Herkommen, der sich in einem gewissen Judentum zu einer göttlich-geoffenbarten Macht mit gesetzgeberischer Rraft etabliert hat?! Rönnen Gründlichkeit und Sachkenntnis die Wahrheit noch an den Tag bringen, da heute das Resultat von vornherein feststeht und die Marschroute eine gebundene ist? Es gehört nicht viel Runst dazu, um immer fester zu binden; dagegen geistige Durchdringung, um auch einmal zu lösen und klug fortzuentwickeln. In jener Selbstverschlingung erkannte Abraham Geiger schon vor 60 Jahren den Sitz des Übels, in dem Versagen der fortbildenden und anpassenden Rraft der Tradition den Grund wachsender Entfremdung zwischen Lehre und Leben. Wir möchten gern helfen, sagen die unter der Bürde der Tradition selbst oft schwer leidenden Führer in trüber Erkenntnis ihrer Unfreiheit, aber wir können nicht. Wir dürfen uns über diese oder jene Stelle des nun einmal maßgebenden Dezisors nicht hinwegsetzen. Sie fragen nicht darnach, ob nicht der Rreis derer, für die der alte Gelehrte maßgebend war, immer kleiner wird; wenn er ihnen nur einst als maßgebend hingestellt worden ist, so hört jedes eigene Urteil auf. Was soll man von Vertretern einer solchen Theologie hoffen, die höchstens ihre Gewandheit in der Verteidigung des Alten noch erproben, durch die Rraßheit der Rügen, die Ausmalung der Gefahren, die Beweglichkeit der Rlagen über den Abfall sich unterscheiden dürfen? Es ist eine verzweifelte Lage. Die üblen Folgen bleiben auch nicht aus. Eine wirkliche oder eingebildete Intelligenz wähnt sich heute von vornherein von der Synagoge ausgeschlossen, weil sie daselbst nur Orthodoxie herrschend glaubt und auch draußen nur ein herkömmliches Judentum auftreten sieht. Andere drängt es zu irgend einer Betätigung des Judentums, aber sie tragen es in Logen, staatsbürgerliche, literarische nnd humanitäre Vereine, an denen die politische jüdische Gemeinde zu gleicher Zeit reich geworden, während das Judentum als Religion, sein synagogales Leben und seine religiösen Institute verarmten. Der politische Jude dominiert heute nicht allein in der Einzelgemeinde, sondern auch in den großen Verbänden, in denen sich das Judentum unter ängstlichem Ausschluß religiöser Streitfragen verkörpert. Da kommen die leitenden Persönlichkeiten leicht in die Lage, die staatliche Macht für religiöse Einrichtungen zu Hilfe zu rufen, denen sie selbst innerlich fremd geworden, vielleicht gar ablehnend gegenüberstehen. Ein offizielles jüdisches Rirchentum