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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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o o o o Ar. S. Sarnurl: Unsere Krwegnng, eine sittliche Forderung n. eine sittliche Macht. 29 dazu die Rinder meist leichtes Spiel. Denn das unaufhörliche Seufzen über die Erschwernisse der Neuzeit ließ erkennen, daß jeder Anlaß, mit dem Alten zu brechen, willkommen geheißen würde. Vielleicht lassen sich aber auch die Eltern nur ungern zu der Ueberzeugung drängen, daß zwingende Momente ein anderes Verhalten ihrer Rinder rechtfertigen, daß der Sohn vielleicht in seiner schwer errungenen, höheren Lebensstellung, sagen wir als Staats-Beamter zu Ronzefsionen verpflichtet sei. Ein böses Gewissen gegenüber dem Neuen bleibt den Eltern, und auch die Rinder können sich nicht wohl fühlen in der bedenklichen Rolle, da sie die Lehrmeister ihrer Eltern spielen sollen. Jenes böse Gewissen der Eltern zu erleichtern, diesen Druck von den Generationen zu nehmen, das ist unser Bemühen. Und es ist ein sittliches, so gewiß schon ein bekanntes Prophetenwort es eines Elia nicht für unwert hält, daß er dereinst das Herz der Väter zu dem der Rinder, und das Herz der Rinder zu dem der Eltern führen werde. (Maleachi 3, 2^.) Doch unsere Religion ist nicht sowohl Individual- oder Familienreligion — als in ganz hervorragendem Maße Sache des Gemeinschaftslebens. Man zeige uns z. B. im Gefühlsleben, also etwa im Gebetsverkehr der Seele mit Gott die Rücksicht auf den Einzelnen, oder auf das Rindesgemüt u. dergl. Ist doch selbst das Tischgebet erst würdig, laut gebetet zu werden, wenn 3 erwachsene, männliche Personen zugegen sind!' Also haben individuelle Ansichten und Neigungen nirgends weniger Recht, als im Judentum, nirgends geringere Hoffnung, sich durchzusetzen, als dort, zumal, wenn ihre Tendenz gegen das öffentliche Leben der Synagoge, Gottesdienst oder rituelle Einrichtungen gerichtet ist. Das Judentum ist nicht so gefällig, zarte Rücksichten auf die Wünsche Einzelner zu nehmen — und das ist m sich gut. Denn es kann seinen Bestand nur wahren, wenn es sich mindestens auf einer Diagonale widerstrebender Rräfte bewegt, und alle Extreme vermeidet. Aber wie ist es in Wirklichkeit? Stützt sich das offizielle Judentum heutzutage nicht auf eine verschwindend kleine Zahl gewohnheitsgläubiger, eifernder und überempfindlicher Männer, die sich gebärden, als retteten sie die Synagoge vom Untergang, und hätten daher allein in ihr und über sie zu bestimmen? Hat selbst eine größere Zahl, vielleicht eine Mehrheit liberal denkender Gemeindemitglieder kein Recht, über deren Einrichtungen zu befinden? Befragen wir unsere Gemeindegewaltigen, so besagt ihr schwächliches Verhalten soviel, wie „nein"! Nicht etwa vom S^nagogensitz aus, den sie selten zieren, aber im Beratungszimmer werden sie Lobredner des Alten, und schüchtern sich selbst und ihre liberalen Mitvertreter durch Schreckbilder des gänzlichen Zerfalls gegen jede Neuerung ein. In religiösen Dingen müsse man wie ein kluger Verwaltungsbeamter nach dem Grundsatz: tzuiota uou movere verfahren. Forschen wir tiefer in der wohlmeinenden Seele dieser Grthodoxen aus Diplomatie, so ist es die Unfähigkeit, sich über die Legitimität ihrer innersten, liberalen Ueberzeugung Rechenschaft zu geben, die ihre Entschlüsse lähmt. In ihrem Privatleben haben sie sich von den meisten beengenden Vorschriften losgesagt, und setzen ein Gleiches von der Mehrheit der Gemeindemitglieder voraus. Sie machen weidlich Gebrauch von dem Satze: Heut' macht sich jeder seinen eignen Schulchan aruch; am besten aber gar keinen; was ungefähr dem Verdikt der Schrift über die heillose Zeit der Richter gleichkommt: jeder tat, was recht war in seinen Augen. Aber als Vorsteher und Vertreter glauben sie nur rin Judentum anerkennen zu dürfen, das ist das alte, das herkömmliche, orthodoxe. Es ist, wie wenn sie sich in die Synagoge wie in ihr altes Hausgerät eingelebt hätten, das keine Umstellung duldet; jede Melodie, jeder pijut, aber auch jeder Mißbrauch ruft: Rühr' mich nicht an!

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