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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 2 (1908) · p. Seite 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
2 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Ar. S. Samuel: Unsere Bewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht. ° ° und Erkenntnisse sich nicht aus der bloß zersetzenden Zweifelssucht emporgerafft und zu geläutertem, religiösen Gefühl hindurchgekämpft hat, ist meistens einem im Machstum und in der Entwicklung zurückgebliebenen, traurigen Rrüppel zu vergleichen, so sehr er sich auch als Geistesriese blähen mag. Aber wir denken an andere Erscheinungen. Ist die Religion wirklich noch eine Lebensmacht, wenn sonst fein empfindende Menschen ihre ganze Religion auf Pietät gründen, d. h. auf blos gefühlsmäßig fortwirkenden Elternwillen, nicht auf innere Überzeugung?*) „Ich führe noch einen streng rituellen Haushalt, sonst würde meine alte Mutter nicht bei mir speisen." Derselbe Mann, der Pietät zum Surrogat seiner Religion einsetzt, macht außer dem Hause skrupellos den ganzen Traktat Thullin samt den ersten \ \0 Paragraphen des Iore Dea und die anschließende Ritual-Literatur bis herab zu den verdienstvollen Gutachten des Herrn Dr. pirsch Hildesheimer überflüssig. Vielleicht hofft man noch, daß das zuerst aus Pietät Geübte zuletzt zu wahrem pflichtgehorsam werde? „Ich habe das ganze Jahr für meine Eltern zuerst täglich, dann fabbatlich Aaddifch gesagt" — nachher hat derselbe Mann die Synagoge nur noch ausnahmsweise besucht. Und so könnten wir die Beispiele fortsetzen, bis tief hinein ins Gebiet des Aberglaubens. Und bildet sich unser Standpunkt nicht an der Beurteilung des Nächsten? Mir lernten auf Schritt und Tritt Juden kennen, denen bereits eine freiere, religiöse Lebensführung eignete; ja, welche bekannten: feit sie ein gewisses Ritual überwunden hätten, seien sie bessere Juden geworden! Mir können sie nimmermehr vom Judentum ausschließen, und müssen uns doch fragen: worauf beruht dieses ihr Judentum? Aurz — ist die Minderbewertung ganzer Alaffen von Ritualien noch aufzuhalten? Man hat sie uns in den herrlichsten Farben geschildert, als weise Pädagogik anempfohlen, als einigendes Band aller Juden des Erdballs gepriesen; aber man hat versäumt, zu differenzieren. So sind denn leider die Farben verblaßt; der Erziehung glaubten wir nach und nach entraten zu können; zur Einigung schienen uns einige große, charaktergebende Faktoren, neben dem Schma Iisroel, zu genügen. Und wir trafen auf ältere, nein auch jüngere Leute, die noch ganz im Alten befangen waren. Es waren hochgebildete darunter, und reich begüterte — dies besonders häufig. Mir konnten ihnen eine gewisse Hochachtung nicht versagen, die aber mehr an Erstaunen grenzte und zur Nacheiferung keineswegs einlud. Heroismus, Gehorsam, Unterwerfung des Intellekts; — vielleicht aber auch Aengstlichkeit, den eigenen Verstand zu gebrauchen, mangelnde geistige Beweglichkeit, kurz, Rückstand. Denn wie sollte man es anders bezeichnen — wenn etwa der Aermste am Sabbat vor einer Haustür festgebannt stand, weil er die elektrische Schelle nicht in Bewegung zu setzen wagte, oder wie, wenn er bei schauerlichen Regengüssen einen Schirm aufzuspannen sich versagte? Unsere Pflicht demnach zur individuellen Religion ist der erste sittliche Faktor unserer Bewegung. Dennoch vergessen wir keinen Augenblick, daß unsere Religion die Religion unseres Vaters, und dadurch die unserer Väter sein muß. Zur Verknüpfung mit dem Elternhaus sollen und müssen auch wir gelangen. Merkwürdig, daß diese Entwicklung sich oft von selbst vollzieht, aber in einer den Gegnern sehr unerwünschten Meise: die jüngere Generation zieht die ältere nach sich. Die Söhne treten z. B. ins Geschäft des Vaters und dieser duldet, daß das bis dahin am Sabbat fest geschloffene geöffnet werde. In solchen Fällen haben noch *) Zutreffend sagt Dr. Ralischer in seinen köstlichen „Aphorismen" (Bonn bei Gsorgi (90?) : „Religion ist Gottesverehrung, Pietät Menschenverehrung".

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