Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Ar. S. Samuel: Unsere Sewegung, eine sittliche Forderung u. eine sittliche Macht 27 Zonen, von Ozean zu Ozean, so weit sich der Himmel über die Erde spannt in diesem Augenblick in flammender Begeisterung aus allen jüdischen Kerzen erschallt, so rufen auch wir es aus als Zahnenruf, als hochheiliges Bekenntnis: „Schema Jisroel, adonoi elohenu, adonoi echod!“ „Höre, Israel, Gott ist unser Herr, Gott ist einzig!" Aus dem neuen Gebetbuch für Neujahr und Versöhnungstag von Rabbiner Dr. <£. Seligmann-Frankfurt a. Rk. Untere Bewegung, eine sittliche?oräerung unä eine Mlickie lllacbt. Von Or. 5. äamue!, Rabbiner in kllen. I. J Is Iwan Turgenjeff das über die Erscheinung des Nihilismus in Schrecken gebannte Rußland zur Selbstbesinnung bringen wollte, schrieb er feine erschütternde Apologie der jüngeren Generation: „Väter und Söhne". Daß innerhalb der umfriedeten pfähle des Judentums solche Zuckungen und Wehen, solche furchtbaren und bluttriefenden Begleiterscheinungen reformatorischer Bestrebungen unmöglich sind, war nicht einmal immer unser Verdienst, immer aber unser Glück und Stolz. Doch das Problem Väter und Söhne ist auch für uns vorhanden. Wir wollen nichts von einem Individualismus wissen, der von keiner Autorität, keinem sittlichen Grundsatz, noch religiösen Idee geleitet wird, nur sich, d. h. seine Leidenschaften, Triebe und Instinkte ausleben will. Aber wir meinen, eine sittliche Forderung an den Einzelnen ist heute seine selbständigere Stellung auch zur Religion. Ihr will die liberale Bewegung zuerst zu Hilfe kommen. Es geht nicht mehr an mit der bloßen Autorität des Elternhauses, weil diesem in unserer Jugend der freie Luftstrom einer religiösen Bewegung gefehlt hat und nur die Angst von außen und von innen aufgepreßt war. Daß Eltern und Rinder gleich denken und fühlen sollen, ist wie durch die Natur selbst widerlegt; dennoch hat das Judentum gar lange eine Art Einheit zwischen Alten und Jungen hergestellt, und fordert sie noch heute als erreichbar und notwendig; alle Widersprüche und Seelennöte als nichtig bewertend. Wir müssen uns dagegen erinnern, daß das Ziel auch der intensivsten Erziehung Selbständigkeit sein soll; Anwendung der gewonnenen Einsichten und Fähigkeiten, und dasselbe auch für unsere eigenste Herzensangelegenheit, die Religion, verlangen. Dort, wo Nkose sein Testament an das Herz seines Volkes legt (im 5. Buche der Tora) geschieht es am häufigsten, daß er den Einzelnen anredet: Du sollst es erkennen und dir zu Herzen d. h. zum eigenen Verständnis führen. In unseren Elternhäusern war kein Platz für theoretische Erörterungen; Sitte und Herkommen waren maßgebend; die zunehmenden Schwierigkeiten wurden mit Seufzern ertragen; mit launigen oder bitteren Witzen machte sich die Seele Luft über die um sich greifende Abtrünnigkeit; beißender Spott aber, oder vorschnelle Aritik am kleinsten Brauch wurden mit Recht aufs Herbste bestraft. Und zu diesem günstigsten Falle müssen wir uns hinzudenken: Wärme des Gemüts, glaubensstarke Einfalt, ungebrochene jüdische Lebensansicht. Wie oft war es schon ganz anders! Aber auch wir Begünstigte traten kaum ins selbständigere Leben — und bei der ersten Belastungsprobe brachen die Außenwerke des Judentums zusammen. Wir reden jetzt nicht von den allgemeinen, religiösen Zweifeln, die in die Seele drangen. Wer nie von solchen heimgesucht ward, hat nie um seinen Gott gerungen; er mag auch einen Gott besitzen, aber es ist nicht der selbsterworbene. Wer freilich bei gereifter Einsicht, trotz aller andersartigen Erfahrungen