Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 ZUM Neujahrs - und Nrrsshnungsfestr 2. einleitende Setracktung vor äem Sckofar-Siaten. err, unser Gott und Gott unserer Väter! Laß unsere Gedanken sich heiligen und unsere ^/ Kerzen sich in feierlicher Stimmung erheben! Denn wir stehen vor deinem Angesichte, um des Schofars ernste Töne zu vernehmen. Fremdartig und geheimnisvoll erklingen sie dem Ohr, wie ein Rufen aus weiter, ferner Zeit. Bei ihrem Halle wird die tote Vergangenheit uns lebendig. Uns erklingt der Lärmdrgmmete Ton, wie er dem alten Israel erklang als weckender Alarmruf; vor unserem Auge erhebt sich der flammende Sinai, wo .bei Posaunenschall sich Gott, der Herr, gewaltig offenbarte; vor unserem Geist erstehet Zions Herrlichkeit, und wir hören der Posaune langgezogenen Ton, wie er an Neumonden und Festen vom heiligen Tempel jubelnd erscholl; der Zukunft Schleier zerreißt vor unserem Blick, und wir schauen mit ahnungsvoller Seele jenen großen, gewaltigen Tag, von dem unsere Propheten begeistert gekündet haben: „An jenem Tage wird man in die große Posaune stoßen, und heim kommen-alle Verlorenen Israels und beugen sich huldigend vor Gott, denr Herrn." So schweben Vergangenheit und Zukunft zu uns nieder bei der Posaune feierlichem Schalle. Dreimal während unseres Festgebets werden der Posaune lautjubelnde Klänge erbrausen: Huldigungsklänge, Lrinnerungsklänge, geschichtliche Klänge. Und dreifache Töne sind's, die aus dem Schofar Hallen: Erweckung, Erschütterung, Aufrüttelung, „wachet auf, wachet auf," so rufen diese Töne uns zu, „rüttelt euch wach aus denr Traum eures Lebens! Reißet euch los aus Selbst, betäubung und Verlorenheit! Schüttelt ab den Staub des Alltags, erhebet euch aus des Lebens Enge und Niedrigkeit zur Gotteshöhe! Der Tag des Gerichtes ist dal prüfet euch, achtet auf euren Wandel, gedenket eures Schöpfers und Richters! Kehret um von euren Sünden, findet euch wieder, die ihr euch verloren habt!" So gib, o himmlischer Vater, daß wir des Schofars mahnende Stimme verstehen und auf sie achten! Gib, daß sich an uns erfülle das Wort des frommen Sängers: „fjdl dem Volke, das den Schofarhall versteht! Ls wallet, Herr, im Lichte deines Angesichtes." Amen! 3. Schlufjgebet für den üerföhnungstag. himmlischer Vater, großer, heiliger, hocherhabener Gott! Noch einmal rufen wir dich cm, noch einmal erheben wir zu dir unsere Stimme! Laß deine Gnade walten über uns! Laß dein Antlitz uns leuchten! Erhalte uns in unserem Glauben, unserer Treue! Gib uns den Wut und die Kraft und die Begeisterung unserer Väter! wie du uns Jahrtausende getragen hast, so mögest du uns ferner tragen auf den Fittichen deiner Huld, auf daß das heilige Erbe unserer Väter uns nicht verloren gehe, auf daß, was unseres Lebens Reichtum, Glück und Trost, uns erhalten bleibe! Gott, Gott unserer Väter! Dir geloben wir uns aufs neue mit Herz und Seele, mit Gut und Blut! Zu deinen Fahnen schwören wir und wollen sie in Sturm und Drang wie tapfere Krieger durchs Leben tragen! Wir wollen nicht weichen von deinen wegen und nicht wanken von deinen Pfaden! wir wollen Zeugnis für dich ablegen im Leben und Sterben, in Not und Tod! wie einst das ganze Volk Israel, von Elia, dem gottbegeisterten Propheten, hingerissen, in den tausendstimmigen Huldigungsruf ausbrach, so rufen wir's heute noch in jauchzendem Triumphe: „Adonoi hu boelohim!“ „Adonoi i st der wahrhaftige Gott!" wie es als Fahnenruf erscholl aus allen Jahrtausenden unserer Geschichte, wie es heute noch in allen Ländern, allen