Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Vorgehen gegen die Orthodoxie auch in der Schule und keinerlei Rücksichtnahme auf orthodoxe Schüler oder vielmehr Eltern beim Unterricht. Es ist selbstverständlich, das; wir unseren ganzen Unterricht im liberalen Sinne aufbauen; aber kein verständiger und vornehmer Lehrer wird dabei mit Spott und Hohn oder mit kränkenden Worten gegen Andersdenkende vorgehen und seinem Religionsunterricht gerade den Boden entziehen, auf denr wir Liberalen im Gegensatz zur Orthodoxie stehen sollen, den Boden der Duldung und der geschichtlichen Anerkennung. Wir werden unseren Schülern darlegen, daß und warum wir in allgemeinen und speziellen religiösen Fragen anders denken; aber wir werden umsomehr auch betonen müssen, daß innerhalb des Judentums jeder nach seiner Ueberzeugnng leben kann, und so wenig wir für diejenigen, die sich aus religiösen Anschauungen besondere Lebenserschwerungen auferlegen, eine besondere Anerkennung züchten werden, als ob sie Juden ersten Ranges seien, so wenig werden wir auch die landläufige Meinung in der Schule aufkommen lassen dürfen, als ob Orthodoxie, Fanatismus und Heuchelei immer im Bunde miteinander stehen. Der Satz unseres Programms, daß die Schule keine Gegensätze zu den Eltern heraufbeschwören soll, muß auch nach dieser Richtung hin möglichst seine Geltung haben und kann sie haben, wenn der Lehrer genüge,cd pädagogischen Takt besitzt, ohne Preisgabe seiner Ueberzeugung doch der Mischklasse, die er gewöhnlich zu unterrichten hat, gerecht zu werden. Die größten Schwierigkeiten in dieser Einsicht eröffnen sich übrigens auf einem Gebiete, auf dem man sie am allerwenigsten erwarten sollte, bei der Behandlung des Hebräischen. Schon die Frage der Kopfbedeckung, so kleinlich und äußerlich sie erscheint, wird in solchen Mischklassen oft genug zu einer prinzipiellen religiösen und schultechnischen gestempelt, wir lassen natürlich Lehrer und Schüler unbedeckten Hauptes Hebräisch lesen — und doch habe ich es nie über mich gewinnen können, denr Kinde, das in der hebräischen Stunde sich bedecken will, dies zu verbieten, um das Prinzip zu retten. Doch was will dieser kleine Konflikt besagen gegenüber der Gebetbuchnot, in der wir uns in Mischklassen aus Rücksicht auf die nichtliberalen Elemente befinden. Unser hebräischer Unterricht ist zwecklos, solange nicht unsere liberalen Gebetbuchausgaben ihm zu Grunde gelegt werden. Unsere Kinder müssen in der Schule mit dem Gebetbuch verwachsen, dassieimGotteshause gebrauchen. Sie müssen die deutschen Lieder und liturgischen Gebete lernen, die darin enthalten sind, und sie müssen auch in der Anordnung des hebräischen Teils sich zurecht zu finden wissen. Und wie viele Schwierigkeiten würden in der Schule schon durch den Gebrauch des revidierten hebräischen Textes hinweggeräumt! Aber in sehr wenigen liberalen Gemeinden existieren solche Schulausgaben des eingeführten Gebetbuches; zumeist wird der gewöhnliche Siddur benützt, der nicht bloß den Vorzug der Billigkeit hat, sondern auch eine gewisse Einheitlichkeit im Judentum verkörpert, die wir leider im Thaos unserer, auf die speziellen und lokalen Gottesdienste zugeschnittenen Gebetbücher nicht mehr besitzen, wir können freilich die Einheit in seiner Benutzung nur dadurch erkaufen, daß wir uns mit Auslassungen und sehr freier Uebersetzung und zwar gerade bei den wichtigsten Gebeten — z. B. den Tefilloth — hindurchhelfen; das ist kein Ausweg aus der Not, in der wir stecken, und er wird um so schwieriger noch werden, wenn die neuen methodischen Vorschläge für das Lesen und Uebersetzen Beachtung finden sollen, die mit Recht die alte Thedermethode zu verdrängen bestimmt sind. Wir werden zwar diesen Bestrebungen gegenüber nach wie vor darauf bestehen müssen, daß nicht das Erlernen der hebräischen Sprache als solcher unser Ziel im Religionsuntericht darstellt; Religionsunterricht ist ebensowenig Sprachwie Literaturstunde und kann nur die Aneignung der für das Verständnis der hebräischen Gebete unentbehrlichen Kenntnisse zum Ziele haben, wenn es hoch kommt, auch noch das Verständnis einer Zahl schöner ssentateuch- und j)rophetenkapitel. Trotzdem aber werden gerade wir Liberalen wieder nüt den Anhängern der neuen Methode fordern müssen, daß das Hebräische den Kindern methodischer als bisher beigebracht werde, damit auch das Beten aus einem mechanischen Nachsagen zu einem inneren Verstehen und Begreifen sich wandle, und wir werden es gewiß völlig billigen, daß ein Schulgebetbuch geschaffen werde, das dem Schüler nur eine kleine Auswahl systematisch geordneter Gebete bietet und ihn nicht mehr wahllos durch den ganzen Siddur schleift. Aber ein solches Buch, wie es der Lehrerverband nach den Beschlüssen seiner letzten Tagung abfassen möchte, muß auf liberaler Grundlage geschaffen werden und muß vor allem einen auf Grund unserer liberalen Gebetbücher ausgearbeiteten Text erhalten, der dann in der Schule wenigstens für das Gros unserer Schüler die Einheit repräsentiert und uns auf diesem Wege vielleicht einmal zu einem einheitlichen Buch auch für unsere Gotteshäuser führt, während jetzt die liberale Majorität unserer Schüler sich der Minderheit fügen muß, mag dann die Minderheit — ich will nicht verlangen: sich der Mehrheit fügen, sondern — ruhig ihr Gebetbuch weiter benutzen, wenn wir nur endlich unsere Kinder dahin führen können, den ihren und unseren Anschauungen entsprechenden Gottesdienst besser kennen zu lernen, als es heute so vielfach der Fall ist. Daß in diesem Gottesdienst das deutsche Gebet einen noch breiteren Raum gewinnt, däucht