Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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23 mir nützlich, ja sogar notwendig; jedoch das hebräische ganz zu streichen oder auf das Minimum einiger Sätze zu reduzieren, halte ich für unmöglich und unangebracht, und darum werden wir auch im Religionsunterricht es nie völlig ausschalten können. Mit der Forderung des einheitlichen liberalen Schulgebetbuches komme ich zum Schluffe überhaupt zu den praktischen Forderungen, die an uns herantreten und von uns ihre Erledigung heischen. Mir liberalen Lehrer empfinden den allgemeinen Mangel einer einheitlichen Schulorganisation und die allgemeine Not an brauchbaren Lehrbüchern am allerstärksten. Mir besitzen am allerwenigsten, was für unsere Zwecke paßt: keinen gemeinsamen Lehrplan, wenig brauchbare Lehrbücher der biblischen, noch viel weniger der jüdischen Geschichte, kein befriedigendes Lehrbuch für systematische Religion auf irgendeiner Stufe, kein Schulgebetbuch. An allen Ecken und Enden fehlt es bei uns, und wir müssen endlich wirklich einmal antreten und Abhilfe schaffen. Die neubegründete große liberale Vereinigung bietet uns fiir diese Arbeiten den bisher entbehrten Rückhalt; sie kann die notwendigen materiellen Grundlagen schaffen, sie kann auch auf die einheitlichere Ausgestaltung unseres Schulwesens einwirken. Aber die geistige Arbeit müssen w i r schaffen, gleichviel ob ganz allein oder Hand in Hand mit den Lehrern. Unser a l l g e m e i n e r Rabbinerverband kann für diese Arbeiten nicht herangezogen werden; so muß denn der liberale Nabbinerverband sie in die h^nd nehmen, und ich würde es für unbedingt erforderlich erachten, daß er eine ständige Schulkommission aus als Pädagogen anerkannt tüchtige,: Rollegen einsetzt, die gleichsam zu einer pädagogischen Zentrale auswächst, indem sie selbst arbeitet und zu Arbeiten anregt, diese prüft, empfiehlt, verbreitet, kurz zur maßgebenden fachmännischen hilfs-, Auskunfts- und Arbeitsstätte für das gesamte jüdische Religionsschulwesen wird. Eine große Aufgabe, aber eine Aufgabe, der wir uns nicht entziehen können, wenn wir wirklich den liberalen Programmpunkt ausführen wollen, daß unser Religionsunterricht unsere Rinder mit Liebe zum Judentum erfüllen soll! Niemand, selbst wohl keiner unserer orthodoxen Gegner, wird daran zweifeln, daß das in der Tat unser ernstes und ehrliches Bestreben ist, unsere Schüler zu treuen und opferfreudigen Bekennern unseres Glaubens zu erziehen; sorgen wir dafür, daß niemand mehr daran zweifle, daß auch unser Meg dazu, unsere Methode die rechte und erfolgverheißende ist! Ich begrüße es schon als eine der ersten Segnungen der neubegründeten liberalen Vereinigung, daß sie zum erstenmal Veranlassung und Gelegenheit geboten hat, in einer Rabbinerversammlung uns über Religionsschulfragen aussprechen zu können, und ich darf hoffen, daß diese Themata bei uns öfters wiederkehren und zu einer eingehenden Spezial - Behandlung und damit auch zu einer völligen Rlärung und Lösung führen. Ich habe bei diesem ersten versuch, der ohnedies nur ein Referat darstellen füllte, natürlich nur ganz allgemeine Erörterungen bieten können und für Sie alle kaum etwas Neues, kaum etwas, was Sie selber nicht schon gefühlt, gedacht oder ausgesprochen haben. Aber „die Wahrheit" — wie Diesterweg fagt7) — „wird nicht dadurch lebendig, daß einer sie sucht und die anderen sie annehmen, sondern dadurch daß alle sie suchen." Möge diese Wahrheit gerade dadurch, daß wir alle sie suchen, lebendig werden, und „Leben" — erklärt derselbe große Pädagog^) — „ist Bewegung, Bewegung erzeugt Veränderung und Umbildung, die in die Schule eingreift, denn erziehe,: heißt: fürs Leben erziehen." Das fei auch unser Mahlspruch, mit den: wir kämpfen und siegen wollen! ') Das. M6, II, 136. 8) Das. \S63, I, \Q\.