Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Stoff vertraut zu machen, dem äußerlich gewisse Schranken gezogen find, der aber dafür um so stärker verinnerlicht und vertieft werden soll, der das Herz des Rindes mit Liebe zu feiner Religion erfüllen und auch im Leben draußen fein Gemüt befriedigen und nicht als bloßer Schwulst feinen Roxf überbürden soll, wir beginnen deshalb in den Unterstufen mit ausgewählten Erzählungen aus der biblischen Geschichte in schlichter Darbietung, um sie in den Mittelstufen zu ergänzen und durch verständige Erklärung in unserem Sinne zu vertiefen, und führen in den Vberklassen der höheren Lehranstalten den nun bereits fest erworbenen biblischen Stoff in freien Besprechungen einem reifen Verständnis zu, wie es unserer wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht. Damit ist für diese letzteren Schüler besonders, die für uns zu gewinnen uns am allermeisten am Herzen liegen muß, diejenige Auffassung der Bibel festgelegt, die über alle Zweifel oder Mißverständnisse hinweghelfen wird und muß. Ronkentrisch geht auch der weg in der R e l i g ions - lehre, die sich in den Unterstufen auf die notwendigsten formalen Renntniffe beschränkt, zu denen ich auch kurze Fassungen der Grundlehren und Grundgebote des Judentums rechne, in den mittleren Stufen unbedingt irgend eine zusammenfassende Behandlung verlangt, in der Oberstufe der höheren Lehranstalten aber das „Wesen" des Judentums in objektiver und apologetischer weise — apologetisch nach innen und außen — erläutert und zwar entweder im Anschluß an moderne Darstellungen (Lazarus, Baeck, Güdemann, Goldschmidt) oder in freien Besprechungen, deren wert ich sehr hoch einschätze, vorausgesetzt, daß sie vom Lehrer systematisch, nicht planlos gehandhabt werden und nicht in leere Wortplänkeleien, sondern in tatsächliche Zusammenfassungen des Besprochenen — schriftlich durch die Schüler — ausmünden. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist als Ergänzung und Vertiefung der Religionslehre das deutsche Bibellesen und im speziellen die eingehende Behandlung des Prophetismus. Die Mittelstufe liest die religiösen und ethischen Stellen im Pentateuch und bereitet das geschichtliche Verständnis für die Prophetenlektüre vor, die Oberstufe treibt diese selbst (in der Art des Buches von Tachau) und fügt auch die Lektüre der lehrhaften Hagiographen hinzu. Hier bietet sich überall die reichste Gelegenheit, die Entwicklung der religiösen Begriffe zu behandeln, ihren wert festzulegen und die Brücken von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen. Lin Rind, das keine gründliche Bibellektüre in der Schule getrieben, hat keinen ordentlichen Religionsunterricht genossen, und damit werden auch die Rlagen über den Mangel von Bibeln in den jüdischen Däusern von selber verstummen. Ronzentrisch geht ferner der Unterricht in der jüdischen Geschichte, auf der Mittelstufe in ausgewählten Lebensbildern aus der ganzen Geschichte, auf der Oberstufe in zusammenhängender Darbietung. Die Behandlung der jüdischen Geschichte in unserem Unterricht kann jedoch nicht Selbstzweck, sondern nur eine Unterstützung für das Lntwicklungsbild der jüdischen Ideen sein; nur unter diesem Gesichtswinkel soll sie in der Schule geboten werden, und nachdem nun die erste Begeisterung über die Aufnahme dieses modernen Lehrstoffes in den Unterrichtsxlan der Religionsschulen verraucht ist, dürfen wir etwas nüchterner werden und recht viel davon wieder herausstreichen. Denn von jenem Gesichtspunkte aus haben eigentlich nur die talmudische Zeit, die Entwicklung der Religionsphilosophie, die Märtyrergeschichte und vor allem die lebendige Gegenwart von Mendelssohn ab wert und Bedeutung. Vor der Behandlung dieser vier Perioden sollte alles andere, gewiß das politische, aber auch das Literarische in der jüdischen Geschichte völlig znrücktreten. wir sollen keine Geschichts- und keine Literaturstunde geben, sondern Religionsstunde, und gerade hier gilt mehr als je, und mehr als es bisher beachtet wurde, der Ausspruch des großen Pädagogen Diesterweg, der überhaupt das Leitmotiv unseres ganzen Unterrichts darstellt:6) „Zu einer liberalen Erziehung gehört wesentlich, daß der Zögling durch alles, was er lernt und erfährt, in seine Gegenwart gestellt oder, wie Kant verlangt, für die Zukunft erzogen wird." Ls ist darum unfaßbar, daß es Religiosunterricht gibt, in dem die Rinder die Namen der biblischen Richter und Rönige ohne jede Auslassung aufsagen können, aber nie etwas von den großen sozialen jüdischen Hilfsbestrebungen unserer Zeit erfahren. Und daß auf den Oberstufen unsere Gymnasiasten etwas aus den Schriften von Zunz, Geiger, Steinthal, Lazarus u. a. mehr, ja selbst von Samson Raphael pirsch lesen, ist wichtiger, als wenn sie in der literarischen Arbeit des Rif, Tur, Rämban ufw. Bescheid wissen. Davon mögen die Literaturvereinsredner erzählen; für die religiöse Unterweisung in der Schule hat die Arbeit der Vergangenheit nur wert, so weit sie den Schüler „in die Gegenwart stellt und für die Zukunft erzieht." Die Behandlung der Neuzeit ist für viele ein noli ms längere, weil sie die Behandlung der religiösen Streitfragen scheuen; wir müssen gerade dazu offen und ehrlich in der Schule Stellung nehmen, und wir dürfen es umsomehr, als wir ja auch der Orthodoxie durchaus ihr geschichtliches Recht zukommen lassen sollen. Darin möchte ich mich noch besonders eins mit Ihnen wissen, weil ich nicht mit dem Gedanken übereinstimme, der bisweilen zum Ausdruck gebracht wurde: nämlich scharfes 6) Rheinische Blätter s8H8, I, 273. *