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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 Gliche Empirie, sondern im letzten Grunde auf unerklärbare geistige Inspiration zurückgehen, kann — auch darin werden wir alle einig sein — L>em Religionsunterricht nicht entzogen werden; ja, er muß und darf gerade bei unserem liberalen Unterricht die unverrückbare Grundlage bilden, weil dieser durch die reinere und vergeistigte Auffassung dieser Ideen, wie w i r sie bieten, jeder mechanischen Auffassung, sowohl der der Vrtho- -doxie, wie auch derjenigen ihres Gegenparts, des Materialismus, am allerwirksamsten entgegenzutreten vermag. Für uns steht darum der gesamte Prophetismus im Vordergrund der religionspädagogischen Behandlung, weil er am allerbesten bas allmähliche menschliche Hineinwachsen in diese höheren Ideen aufweist und naturgemäß nach beiden Richtungen hin, nach der Gffenbarungswie nach der Lntwicklungsseite, unseren Anschauungen gerecht wird. Wir betrachten aber überhaupt auch in der Schule schon die ganze Bibel im Lichte dieser Anschauungen als die vom Gottesgeist erfüllte, von Menschenhand verzeichnete Sammlung höchster religiöser und sittlicher Ideen und ihrer geschichtlichen Ausprägung im jüdischen Volkstum. In unserem Unterricht bedarf darum die Bibel weder einer gläubigdogmatischen noch einer ernüchternd-rationalistischen Ausdeutung. Wir lassen recht viel in ihr lesen und zwar deutsch lesen, damit die Schüler auch wirklich ihren vollen dreifachen — nämlich religiösen, sittlichen und jüdischen — Geist in sich aufnehmen; wir zeigen ihnen, wie im Inhalt -der Odem Gottes weht und in der Form entweder die bewußte Hand großer Meister oder bas kindliche Schaffen der Volksüberlieferung sich ausprägt, wir lassen das jüdische Volkstum der Vergangenheit aufleben und machen ihnen -daraus alles das, was sie heute als fremd und -gegensätzlich anmutet, erklärlich, wir führen sie in den gewaltigen Kampf ein, den der Monotheismus in seiner reinen Gestalt und mit seinen reinen religiösen und sittlichen Ideen innerhalb und außerhalb des alten Judentums zu bestehen hatte, und machen sie besonders darauf aufmerksam, wie er vorbildlich für alle Zeiten an zeitliche, selbst fremde, nichtjüdische Anschauungen und Einrichtungen anknüpft, aber sie mit seinem höheren und reineren Geist erfüllt. Kurz, wir lehren unsere Kinder,. daß die Bibel tatsächlich beides ist: das Heilige Buch, ein Schriftwerk, aus dem die Stimme Gottes in heiligen, ewigen Ideen und die Stimme unseres Volkes in teils entwerteten, teils noch und weiter zu Recht bestehenden Ausprägungen dieser Ideen zu uns spricht. Damit entgehen wir von selber ^zahllosen Schwierigkeiten, mit denen sich die dogmatische wie die rationalistische Bibelerklärung in der Schule plagen muß, und stehen zugleich auf dem Boden der modernen Bibelforschung, deren Ergebnisse, nicht deren Kritik wir für die Schule verwenden. Denn — auch darin werden wir wieder einig sein — die Bibelkritik als solche hat in der Schule nichts zu suchen, wohl aber darf man, um mit einem modernen Pädagogen zu reden,-*) die Ergebnisse der sorgfältig erwägenden, alles organisch gliedernden religionsgeschichtlichen Forschung unterrichtlich verwenden. Es wäre z. B. ungereimt, selbst einen erwachsenen Schüler in die Hypothesen der Pentateuchentstehung einführen zu wollen. Auch bei unserer Art des Unterrichts bleibt es sich ganz gleich, ob etwas aus dieser oder jener Schicht stammt, ja sogar ob es vormosaisch, mosaisch oder nachmosaisch ist; es ist entweder prophetisch erhaben oder volkstümlich historisch. Dagegen würde es ein Frevel sein, einem Kinde einreden zu wollen, Jesaja habe die Rückkehr unter Tyrus geweissagt, und es auf diese weise nicht bloß mit einem historischen Widersinn, sondern auch mit einer dogmatischen Erschwerung zu beladen, von solchen Gesichtspunkten aus wird es sich übrigens trotz des maßlosen Fluktuierens der bibelkritischen Forschungen leicht feststellen lassen, welche Ergebnisse für den Unterricht als feststehend und verwendbar anzusehen sind, obschon auch hier das pädagogische Taktgefühl und das erziehliche Geschick des Lehrers von großem Einfluß sind und daher im Allgemeinen mehr Zurückhaltung als Draufgängerei sich empfiehlt. Es wird sich in der Schule im Großen und Ganzen nicht so sehr um die Erörterung spezieller kritischer Fragen als vielmehr darum handeln, daß die Ergebnisse jener Forschungen für die Darstellung des allgemeinen Weltbildes und der allgemeinen Anschauungen der alten Zeit Verwendung finden, und daß, insoweit jenes Weltbild und jene Anschauungen durch die gesicherten Resultate der übrigen Wissenschaft heute verändert und überholt sind, dieser Gegensatz auch offen als ein Fortschritt aufgewiesen, und nicht etwa durch künstliche Deutungsversuche anr Bibelwort ein unwahrer Ausgleich gesucht wird. Aus den bisheriger: allgemeinen Erörterungen, die natürlich im Rahmen dieses Referats nur Andeutungen sein können, ergibt sich nunmehr von selber die allgemeine Einrichtung des Lehrplanes und die allgemeine Einteilung des Lehrstoffes für unseren Unterricht, ergibt sich auch von selber, daß die Methode seines Aufbaues gerade für uns nur die konzentrische sein kann?) Uns kann nichts daran liegen, dem Kinde fortschreitend ein möglichst großes, formales religiöses wissen einzupfropfen, das als Hochziel den wortgläubigen und gelehrten „Lamdon" aufsteckt, sondern vielmehr es mit einem religiösen 4) Reukauf, A., Gvangel. Religionsunterricht I. Bd. Grundlegung, Leipzig $00, 5 5) Im Gegensatz zu Rlaybaums vortrefflicher „Methodik des jüdischen Religionsunterrichts", Berlin $96, S. 70 ff., mit der ich sonst in den Grundanschauungen durchaus übereinstimme.

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