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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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\9 bilder aus der ganzen biblischen Geschichte herauszugreifen, sie aber so darzubieten, daß sie sich aufs tiefste einprägen und zwar nicht bloß in ihrem realen Stoff, sondern viel mehr noch in ihrem sittlichen und religiösen Gehalt. Ganz unmerklich in der Absicht muß das Rind schon früh, wenn auch nicht Verständnis, so doch Empfindung dafür gewinnen, daß die äußere Form nur die altertümliche Einkleidung des ewigen Wahrheitsgehaltes vorstellt. Ganz anders muß jedoch das Verhalten des Lehrers werden, sobald die Rinder beginnen, sich der Gegensätze zwischen Lehre und Leben, zwischen Tradition und Uebung, zwischen Theorie und Praxis bewußt zu werden. Dieses Bewußtsein erwacht heutzutage sehr früh und zerstört gar schnell die Naivität der religiösen Autorität gegenüber, selbst dann, wenn Eltern oder Erwachsene nichts dazutun, den Rindern absichtlich die Augen zu öffnen und sie in vorsätzlichen Gegensatz zum Religionsunterricht zu bringen, wie es ja leider so oft geschieht. Die Forderung R. Eliesers,?) daß man Rinder vom Grübeln fernhalten solle, beruht überhaupt auf einer psychologischen Unmöglichkeit, ist aber in unserem modernen Leben ganz und gar undenkbar, weil die Gegensätze, die Elternhaus, Wissenschaft, Weltanschauung und die Tagesereignisse bieten, viel zu kraß sind, um nicht ganz von selber das Rind zur Entdeckung der Widersprüche gegen Religion und Tradition zu bringen, und ein stillschweigendes Darüberhinweggehen oder gar ein ablehnendes: „So steht es geschrieben!" würde diese Gegensätze nicht mildern, sondern nur verschärfen und von vornherein jede nachhaltige Wirkung des Religionsunterrichtes ausschließen. Ein Heilmittel gegen das Grübeln nach R. Lliesers weiteren Worten darin zu sehen, daß man die Rinder in den Schoß der weisen setze, um, wie ein moderner Pädagoge sinngemäß hinzufügt,2) ihnen die traditionelle Erklärung zu sagen, hieße eines jener talmudischen „Strohhälmchen" anwenden, mit denen sich noch nicht einmal Rinder mehr fortstoßen lassen, geschweige denn, daß man daraus eine dauerhafte Brücke aus der Schule zum Elternhaus oder überhaupt zum modernen Leben zusammenstellen könnte. Ls kann darum auch nicht unsere pädagogische Aufgabe sein, durchaus alles, was im Judentum unter dem Begriff des Religiösen einhergeht, in der Schule rechtfertigen oder gar mit einer Gloriole umgeben zu wollen; das hieße das Rind nicht befriedigen, sondern es mit Gewalt zu einer Ronfliktlösung stoßen, die immer nur zu Ungunsten des Unterrichts ausgehen und anstelle der in jedem Rinderherzen liegenden natürlichen Hochachtung vor der Religion die Ungläubigkeit, zuletzt den Unglauben setzen würde. Ein 2) Berachöth 28, 2) Singer, Israel, Pflichten isr. Schulmänner, Mst, S. 42. offenes Zugeständnis stärkt das Vertrauen zum Lehrer für diejenigen Gebiete, auf denen er antireligiösen Anschauungen entgegen treten muß. Denn das ist selbstverständlich, daß unser liberaler Religionsunterricht nicht einfach vor jedem Gegensatz, der ihm im Elternhaus und Leben entgegentritt, die Waffen streckt; auch darin werden wir vielmehr alle einig sein, daß wir durch ihn und in ihm nicht bloß auf die Rinder, sondern auch auf die Eltern religiös anregend einwirken wollen. Religionsunterricht im liberalen Sinne kann nicht bedeuten, vor jeder Indolenz der Eltern oder der Rinder die Augen schließen und sie stillschweigend billigen^ entschuldigen oder gar beschönigen zu wollen; das hieße das Wesen des religiösen Unterrichts, wie das Wesen des liberalen Gedankens in gleicher weise verkennen, wenn wir das Juden» tum dem modernen Leben und dieses den: Judentum erhalten und zurückgewinnen wollen, können wir nicht eines von beide,: ausschalten lassen, wir müssen mit aller Entschiedenheit religiöses- Leben für die Rinder auch von denjenigen Eltern fordern, die es vernachlässigen, müssen vor allem das häusliche Gebet, den Besuch desöffentlichen Gottesdienstes und die Beobachtung der Ruhe- und Festtage alsunbedingte Erfordernisse jüdischen Bekenntnisses auch in zeremonieller Einsicht energisch und unablässig verlangen. Die Heiligkeit dieser Institutionen und die Heiligung des Lebens durch sie müssen wir auch im liberalen Religionsunterricht mit allem Nachdruck einprägen und dürfen nicht anstehen, ihre Vernachlässigung und Herabwürdigung als ein religiöses Unrecht gegen das Individuum, wie gegen die Gesamtheit zu bezeichnen. Nur daß wir nicht den scharfen Stachel der religiösen Versündigung dem Rinde dabei ins Herz drücken! wir werden den Begriff der „Sünde" auf die sittlich religiösen Verfehlungen einzuschränken haben, undwenn wir auch dadurch den Unterschied zwischen demEwig-wahren und dem Historisch-Entwickelten, zwischen dem Gffenbarten-Göttlichen und dem Menschlich-Geschaffenen um so stärker hervortreten lassen, so mildern wir doch wieder gerade dadurchfür das Rind die Gegensätze, ja wir heben sie auf, indem wir das Zeremoniell, ohne ihm seine weihe zu nehmen, als ein zwar Notwendiges und Unentbehrliches, aber doch erst in zweiter- Reihe Verpflichtendes betrachten und lehren. Ganz analog werden wir nun überhaupt den gesamten religiösen Stoff behandeln. Dev Entwicklungsgedanke ist es, auf dem diese Behandlung auch in der Schule schon ruht; dochkann er immer nur die historische Form irr Betracht ziehen, nicht aber den religiös-sittlichen Inhalt. Dieser steht auch für uns unerschütterlich fest. Der Grundsatz des geoffen-- barten Göttlichen, die Anerkennung höherer religiöser und sittlicher Ideen, die nicht auf mensch--

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