Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 daß eine Uebereinstimmung von Lehre und Leben notwendig sei, und würde mit einer der ersten sein, diesen Bestrebungen Rechnung zu tragen. Jetzt sei es Sache der liberalen Rabbiner, die Religion im liberalen Sinne sortzubilden und durch ein tätiges Beispiel zu zeigen, daß in ihrem Leben ein Widerspruch mit der jüdischen Lehre nicht zu finden sei. Der Redner stimnit der Resolution nicht zu, er halte sie nicht für nötig. Nach seiner Meinung spreche gegen die Resolution auch der Umstand, daß Dr. Kaftan ihr zugestimmt. Ls liegt keine Veranlassung vor, schon jetzt der Orthodoxie Konzessionen zu machen; qui jure suo utitur, neininen laedit. Lr hoffe daher, daß die Siebener-Kommission die Resolution zurückzieht. Da sich inzwischen viele Redner gemeldet hatten, wird die Redezeit nunmehr auf JO Minuten festgesetzt. Rabbiner Dr. D i e n e m a n n, Ratibor, führte aus: Lr spreche als einer der jüngeren Theologen, um zu sagen, was er von dem heutigen Tage erwarte und fordere. Lr habe seine Bedenken gegenüber manchem programmxunkt zurückgedrängt, in dem Gefühl, daß das Programm als Ganzes nicht eine, ein für allemal giltige Fixierung dessen sei, was als religiöser Liberalisnius im Judentum zu gelten habe, sondern nur eine Richtlinie angebe, in der positiv gearbeitet werden müsse. Ls sei freudig zu begrüßen, daß man in liberalen Kreisen einsehe, daß man nur durch eine Organisation auf breiter Grundlage die Gleichberechtigung des Liberalismus gegenüber der Orthodoxie erkämpfen könne. Ls müßte eine entschiedenere und selbstbewußtere Stellungnahme Platz greifen, der faule Friede, der bei dem steten Sichbeugen vor der Orthodoxie entstehe, schädige die Gesamtheit und die Stellung des liberalen Judentums, wenn so eine Selbstbesinnung der liberalen Juden das Merkmal des heutigen Tages sein soll, so müsse diese aber auch noch viel tiefer gehen und eine innere Wandlung im Gefolge haben. Ls habe deshalb der religiöse Liberalismus nicht die ihm gebührende Stellung inne, weil man es allzu oft verabsäumt habe, sich positiv zu betätigen. Man gebe durch diesen Mangel an positivem den Anfeindungen der Orthodoxie nur Nahrung. Die wenigsten sich liberal nennenden Juden benutzen die von ihrer Richtung selbst geschaffenen Institutionen. Bislang schmückten sich allzuviele mit dem Ehrennamen „liberale Juden", die in Wahrheit. keine religiösen Bedürfnisse haben, denen zum liberalen Juden die wichtigsten Erfordernisse, eine ideale Weltanschauung und der Wille zum Judentum, fehlten. Diese Llemente brächten den religiösen Liberalismus in Mißkredit, hier müsse eine Wandlung eintreten. Man müsse erneuten wert legen auf positive Betätigung religiöser Bedürfnisse im Familienkreise. Man stehe als Liberaler bei seiner religiösen Betätigung nicht als gebundene Persönlichkeit da, sondern als ein Freier, da müsse man, um Auswüchse des Individualismus zu vermeiden, den Zusammenhang mit der Gesamtheit suchen, da wo sich der Geist am tiefsten offenbart, d. i. in der Thora. Lin liberaler Jude solle mit der Bibel gründlich vertraut sein. Redner müsse mit aller Schärfe die Behauptung des Herrn Dr. Auerbach zurückweisen, daß es den liberalen Elementen bisher an der Führung gefehlt habe und daß den liberalen Rabbinern die Schuld an der mangelnden Geltung des Liberalismus anzurechnen sei. Das sei ja eben das Traurige, daß den liberalen Rabbinern die Gefolgschaft gefehlt habe, daß den Massen der Wille, sich religiös zu betätigen, gefehlt habe. Ls bewiese auch die ganze Fülle der Literatur der letzten Jahrzehnte, daß die Rabbiner stets ihre Schuldigkeit getan haben, aber wo war bisher das Publikum, das ihre Arbeiten und ihre Forderungen lieft? Man solle den Rabbinern nur zeigen, daß man wieder starke, religiöse Ideale habe, an ihrer Arbeit und ihren willen, zu führen, werde es nicht fehlen. Lr erwarte, daß jeder Teilnehmer an der ver» sammlung nun zu Saus in seinem Kreise für eine stärkere, religiöse Betätigung wirken werde, nur dann werde der heutige Tag etwas wertvolles gebracht haben, ohne den willen hierzu sei alle Mühe vergebens. Da inzwischen die Rednerliste noch zahlreiche Redner aufweist, wird die Redezeit auf fünf Minuten beschränkt. Dr. Baerwald, Frankfurt a. Al., erklärt Namens der Siebener-Kommission, daß die Resolution nicht zurückgezogen werden könne, es müsse klar ausgesprochen werden, um jedem Mißverständnisse zu begegnen, daß wir von der Orthodoxie nur unser Recht verlangen, daß wir Liberale uns nicht im Kampfe gegen die Orthodoxie, sondern in der Verteidigung befinden, wir wollen in Frieden leben auch mit der Orthodoxie, und deshalb erklären wir, daß es uns fern liegt, in ihre Rechte einzugreifen, wir verlangen aber auch gleiche Anerkennung unserer liberalen Grundsätze. Rabbiner Dr. Samuel, Lssen: Meine Herren! Auch ich hätte wünsche zum Programmentwurf geäußert, die sich bis auf die Abänderung einzelner Worte erstreckten. So hätte ich lieber gesehen, wenn nur von einem größeren Raum gesprochen worden wäre, den die deutsche Sprache im Gottesdienste fortan einnehmen sollte, u. s. f. Der Wunsch nach einer einheitlichen Zusammenfassung aller liberalen Tendenzen ließ mich aber die Sonderwünsche zurückstellen. Die letzten Bedenken, meine ich, dürfen heute bei uns allen schwinden, nachdem wir die Resolution gehört haben. Da ist deutlich gesagt, daß die praktische Durchführung noch 'so wünschenswerter Reformen nach Umfang und Tempo ganz den lokalen Verhältnissen und Bedürfnissen anzupassen sei. Nachdem alle Anstrengungen nach einer synodalen Verfassung gescheitert sind, wie sie z. B. der von mir freudig begrüßte Rosin'sche Gesetzentwurf vorsah, ist dies die einzig richtige Konsequenz. Denn hier haben wir jene Behutsamkeit und Gewissenhaftigkeit, die in religiösen Dingen geboten ist, und die mich sogar einen Schritt zurücktun heißen würden, wenn es die Haltung der Gemeinde erforderte. Lntgegentreten möchte ich dem oft gehörten Vorwurf, daß die liberal gesinnten Rabbiner durch ihren Mangel an Lntschiedenheit den Liberalismus im Stiche gelassen hätten. Diese Unentschlossenheit war nichts als die uns zwangsweise auferlegte Rücksichtnahme auf Sie, meine Herren, auf die Vertreter der Gemeinden, die diese konservativ geleitet wissen wollten, und auf manche achtbaren Llemente, die dem Rabbiner durch ihr opferfreudiges, nie versagendes religiöses Interesse in vielen Dingen unentbehrlich waren. Durch unsere Kanzelvorträge aber und zahlreiche gelegentliche Ansprachen bekundeten wir freimütig unsere liberale Auffassung des Judentums und haben dadurch in unserer ganzen Einflußsphäre in langsamer jedoch zielbewußter Arbeit die Bahn zu einer liberaleren Stellung gegenüber Tradition und Herkommen freigelegt! Daß dieses Wirken nicht erfolglos war, dafür habe ich einen Beweis ad hominem: