Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ich meine Sic selbst, meine Herren, die Sie hier erschienen sind und laut und entschieden für die Sache -es Liberalismus eintreten. Sie werden künftig. dem Rabbiner den Mut stärken, und einen kräftigen Resonanzboden für seine Tendenzen bilden, der ihm bisher -gefehlt hat. Auf Antrag des Iustizrat Dr. Horwitz, Berlin, wird die Rednerliste geschlossen. Rabbiner Dr. Vogel st ein, Königsberg, bittet -auch seinerseits die Resolution anzunehmen. Die liberalen Rabbiner seien allerdings in den letzten Jahrzehnten nach außen als Führer der liberalen Bewegung im Judentum wenig hervorgetreten. Trotzdem hätten sie für den Liberalismus sehr intensiv gewirkt. Aber der Vorschlag, den Dr. Auerbach gemacht habe, die Rabbiner sollten sich über das Zeremonialgesetz hinwegsetzen, sei mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen, auch im Interesse des Liberalismus. Nichts würde besser geeignet sein, die liberale Bewegung von Anfang an -in den weitesten Kreisen gründlich zu diskreditieren, uls solches Vorgehen. Die Rabbiner seien nicht nur für die liberalen Gemeindemitglieder da, sondern für -die ganze Gemeinde. Die Befolgung der Sabbat- und Speisegesetze stelle kein Dpfer der Ueberzeugung dar, wohl aber würde ihre Verletzung dem Rabbiner das vertrauen weiter Kreise der Gemeinde rauben, vielfach die Gemeinde spalten und dadurch das Geiamtjudentun: schädigen. Ueberdies würde es nichts weniger «ls liberal sein, durch solche Handlungsweise, den konservativen Gemeindemitgliedern einen Gewissenszwang aufzuerlegen. Ueberhaupt sei es verfehlt, die Aufgabe des Liberalismus lediglich in der Abschaffung von äußeren Formen zu erblicken. Es sei ein allerdings weit verbreitetes Mißverständnis, das in Dr. Kaftans Rede zum Ausdruck gekommen sei, als sei die heutige Versammlung ein „Laienkonzil", das etwa Sabbat- und Speisegesetze abschaffen, den Sabbat auf den Sonntag verlegen usw. und diese Beschlüsse den Gemeinden aufoktroieren wolle, wir seien heute überhaupt nicht zusammengetreten, um Reformen zu beschließen, sondern um alle liberal denkenden Elemente innerhalb des deutschen Judentums, wie sehr sie in Einzelfragen auch auseinander gehen mögen, zusammenzufassen. Darum habe das Programm mit vollem Recht nicht spezielle praktische Forderungen aufgestellt; das sei überhaupt unmöglich, weil die Verhältnisse in den Gemeinden überall verschiedene seien. Daher komme es freilich, daß die Fassung des Programms eine so allgemeine sei, die zu den erwähnten Mißverständnissen Anlaß gebe. Diesen Mißverständnissen entgegenzutreten sei unbedingt notwendig. Da eine andere Fassung des Programms nicht herbeizuführen sei, müsse die Resolution angenommen werden. Dr. Ri eg er, Hamburg: Er sei der Ansicht, daß das Programm unklar sei. Er empfehle die Annahme der Resolution, bitte aber hinsichtlich des Programms, die ersten sechs Absätze nicht anzunehmen, dagegen könne man sich auf die letzten Sätze, die ja auch positive Vorschläge enthalten, einigen. Er weise auch nur darauf hin, daß es sichere Resultate der Wissenschaft überhaupt nicht gebe, daß heute etwas für sicher erachtet werde, was vor einem Jahre berechtigtem Zweifel begegnet sei und umgekehrt. Das Programm möge nochmals durchberaten werden. Iustizrat Behrendt, Danzig: Er könne sich für das Programm auch nicht erwärmen, ebenso wenig für die Resolution. Man möge heute nur die Konstituierung allein vornehmen und auch von der Resolution absehen, welche nur etwas selbstverständliches ausspreche. Die ganze Arbeit liberaler Betätigung könne nur langsam in der Arbeit innerhalb der Gemeinden selbst erfolgreich ausgeführt werden; und nach dieser Richtung hin könne er mit Freude auf die Erfolge in der jüdischen Gemeinde von Danzig Hinweisen. Dr. Adolf Brüll, Frankfurt a. M., bittet dringend das programni unverkürzt anzunehmen. Das Schlußwort erhält als Referent Dr. Vogelstein, Stettin, welcher nochmals allen versammelten dringend ans Herz legt, das Programm anzunehmen. Das Programm sei nicht unklar, jedes Programm sei Mißverständnissen ausgesetzt, das würde auch nicht anders' werden, wenn wir die programmfrage vertagen. Jeder Zweifel an unseren Bestrebungen wird doch auch durch die Resolution gehoben, wenn wir kein Programm haben, haben wir eine Form ohne Inhalt. Jeder liberale Jude kann das Programm annehmen, wir haben auch positive Vorschläge gemacht, ob wir dieselben erreichen, wissen wir nicht, aber wir haben bei Annahme des Programms jedenfalls ein Ziel vor uns, für das wir arbeiten können. Die Rednerliste ist erschöpft, der Vorsitzende, Justizrat Breslauer, schreitet zur Abstimmung. Nach einer etwas erregten Geschästsordnungsdebatte, an der sich die Herren Dr. R i e g e r; Willibald Loewenthal, Dr. Auerbach, Landtagsabgeordneter Landgerichtsrat peltasohn beteiligten, werdenim Sinne der Ausführungen des letzteren getrennte Abstimmungen über die ersten sechs Absätze und über die übrigen Absätze des Programms vorgenommen.. Mit überwiegender Mehrheit werden die ersten Sätze des Programms — dagegen waren nur neun Stimmen — angenommen. Die letzten Sätze des Programms werden einst i m m i g a n g e n o m m e n. Damit ist das ganze Programm angenommen. Das Programm ist diesem Protokolle als Anlage beigefügt. Die Resolution wird mit allen gegen acht Stimmen angenommen. Nach einer persönlichen Bemerkung des Professor Dr. Blaschke kommt es nunmehr zur Debatte über die von der Siebener-Kommission vorgeschlagenen Satzungen des Vereins. Ueber den N a m e n des Vereins entspinnt sich noch eine lebhafte Debatte. Der Vorsitzende hebt hervor, daß der Name Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen sei und daß die Siebener-Kommission sich schließlich auf den vorgeschlagenen Namen: „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" geeinigt habe. Amtsgerichtsrat K a l i s ch e r möchte mehr das religiöse Moment betont haben und schlägt als Namen vor: „Vereinigung für das liberale religiöse Judentum" oder „Liberale Religionsvereinigung". Dr. R i e g e r schlägt als Namen: „Vereinigung zur Vertretung des religiösen Judentums in Deutschland" vor. Auch Iustizrat Behrendt möchte das religiöse Moment im Namen gern erwähnt wissen. Amtsgerichtsrat K a l i s ch e r verkennt nicht die Schwierigkeiten, sich heute über einen neuen Namen zu einigen und beantragt die endgültige Feststellung dem Vorstande der Vereinigung zu überlassen.