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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 nicht mehr für uns. Endlich aber muß, und das ist die Hauptsache, die Existenzberechtigung des Liberalismus festgestellt werden gegenüber unserer Orthodoxie. wie steht eigentlich die jüdische Orthodoxie zum jüdischen Liberalismus? Die äußerste, die sogenannte separatistische Orthodoxie sagt, es gibt nur e i n wahres Judentum, das ist das orthodoxe; es gibt nur eine jüdische Religion, und das ist die, die wir üben. Früher konnte man von ihr als der süddeutschen Orthodoxie sprechen, heute existiert diese separatistische Orthodoxie im wesentlichen nur noch in Frankfurt a. M. und wird von Fulda aus geleitet, wie stellt sich aber die sogenannte Gemeindeorthodoxie zum Liberalismus? Diese sagt nicht, daß wir Liberalen keine Juden sind, sie denkt aber, d aß wir grade noch, zur Not noch Juden, daß wir. poschim, Sünder, Kofrim beikkor, Leugner der göttlichen Wahrheit, Leugner der Grundsätze des Judentums seien. Besonders gegenüber diesem hauptsächlich interessierenden Teile der Orthodoxie muß klar und deutlich zunr Ausdruck gebracht werden: Für uns ist das liberale Judentum das Judentum, ebenso wie für euch das Judentum nur das orthodoxe Judentum ist. wir liberalen Juden müssen verlangen, als gleichberechtigter Faktor im Judentum angesehen zu werden, schon weil wir in den Gemeinden meistens die Majorität haben, von Wichtigkeit für uns ist, wie sich diese Orthodoxie innerhalb des Gemeindelebens zum Liberalismus stellt. Man sollte annehmen, daß sie tolerant ist und sich auf den Standpunkt stellt: wenn wir nur alles bekommen, was wir für uns für erforderlich halten, dann sind wir zufrieden, dann sollen auch die Liberalen erhalten, was nach Ihrer Ansicht für sie notwendig ist; die Orthodoxie tut das aber nicht; sie beansprucht, bestimmen zu dürfen, was Judentum ist, wieweit wir in unseren Ansprüchen gehen dürfen, wieweit nicht. Hiergegen muß Front gemacht werden; hier heißt es, die Existenzberechtigung und die Gleichberechtigung des Liberalismus neben der Orthodoxie als Grundsatz hinzustellen; in dieser Beziehung muß der Wahlsieg der Liberalen in Frankfurt fruchtbar gemacht werden für ganz Deutschland. Nur wenige Gemeinden sind so glücklich, liberale und orthodoxe Rabbiner zu besitzen.wo dies nicht der Fall ist, muß auf die lokalen Verhältnisse in den einzelnen Gemeinden billig Rücksicht genommen werden. Dem Takt der Liberalen, dem Taktgefühl der liberalen Rabbiner insbesondere darf es ruhig überlassen bleiben, auf Gewohnheiten, auf Sitten usw. gebührende Rücksicht zu nehmen. Mäkeln Sie nicht an dem Programm! Ls gibt Sonderforderungen, die ihre Berechtigung haben mögen, die aber in dem Programm nicht zum Ausdruck gebracht werden konnten. Um aber jedes Mißverständnis nach außen hin, insbesondere seitens unserer Gegner zu beseitigen, bitte ich um Annahme der Resolution, die über die Ziele und die Richtung des Programms der Liberalen klaren Aufschluß gibt." Herr Justizrat Breslauer eröffnete nun die Generaldebatte. Als erster Redner nahm Dr. Kaftan, Berlin, das tt>ort zu folgenden Ausführungen: „Lr wohne als Gast der Versammlung bei und sei mit großen Bedenken in dieselbe gekommen; seine Bef denken seien aber auch durch die Ausführungen der! drei Redner nicht geschwächt worden. Er sei nicht; liberal im Sinne der Linöerufer, er sei auch kein Theologe und müsse etwas Wasser in die Begeisterung der heutigen Versammlung gießen. „Noch niemals hat man erlebt," so führte der Redner unter zum Teil sehr lebhaftem Widerspruch der Versammlung. aus, „daß eine Versammlung einberufen wurde und austritt: wir wollen reformieren." wenn man reformieren will, muß man vor allen Dingen angeben, was und wieweit man reformieren will. Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß man sagen muß, in diesen Dingen bedarf eine religiöse Gemeinschaft dringend der Reform. Alle vorhandenen religiösen Systeme befinden sich in der gleichen Lage wie das Judentum, auch in ihnen bestehen Gegensätze, die man genau kennt. Das ist das Erbteil aller Religionen, die einen dogmatischen Inhalt haben, und niemand wird leugnen wollen, daß das Judentum einen dogmatischen Inhalt hat. Ls ist ein Irrtum pi sagen, daß das Judentum darin seinen Kern hat, daß es an einen einzig-einigen Gott glaubt. Die Abänderung gewisser Dinge, die nicht mehr zu halten sind, erscheint allerdings notwendig. In den Hauptpunkten muß aber erklärt werden, was geändert werden soll. Auf den Standpunkt der vorgeschlagenen Resolution kann man sich allerdings stellen, aber auf das. vorliegende Programm kann man sich unmöglich verpflichten. Das Programm ist noch nicht genügend durchgearbeitet, so daß man sich darüber auch nur verständigen, geschweige denn einigen kann. Sowie man sich seit Jahrhunderten bemüht hat, die Grenze zwischen Staat und Kirche festzustellen, so wird es auch mit diesen Dingen gehen. Religion und naturwissenschaftliche Anschauungen sind zwei Dinge, die miteinander gar nichts zu tun haben." Der Redner rät, nur die Resolution anzunehmen und das Programm, durch dessen Annahme eine Spaltung in die jüdische Gemeinsamkeit hineingetragen werde, der Siebener-Kommission zur sorgsamen Durcharbeitung zurückzugeben und es dann einer nur aus liberalen Rabbinern bestehenden Versammlung zur Entfcheidung vorzulegen. Die Ausführungen des Redners fanden lebhaften Widerspruch bei der Mehrzahl der Anwesenden. Rechtsanwalt Dr. Ernst Auerbach, Frankfurt a. M., trat den Ausführungen des Dr. Kaftan entgegen. Der Redner mahnte daran, daß wir einig sein müssen, und daß wir über Einzelheiten des Programms den gemeinsamen Wunsch, der uns heute beseelt, nicht hintansetzen können, wir sind liberal, wir sind liberale Juden, wir haben uns endlich aufgerafft, um gegen die Orthodoxie zu kämpfen und wollen heute unsere Pflicht tun. In Frankfurt a. M. habe die Einführung eines mehr deusschen Gottesdienstes für das Judentum mehr gewirkt, wie die ganze Orthodoxie bisher geleistet habe, wir müssen für unsere Kinder arbeiten und deshalb bitte er, das Programm einstimmig anzunehmen und an den Linzelsätzen nicht zu deuteln und nicht zu rütteln. Lr sei nicht der Ansicht, daß freisinnige Rabbiner allein in dieser Frage etwas Erfolgreiches erreichen können. Seit 50 Jahren ist nichts geschehen. Die Rabbiner haben versagt, weil sie keinen Resonanzboden für ihre Bestrebungen in der Gemeinde gefunden haben. Diesen Resonanzboden wollen wir jetzt schaffen. Der Vorredner hätte Zacharias Frankel nicht als klassischen Zeugen zitieren sollen. Frankel würde heute erkennen.

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