Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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u -er Religionsstunde ihnen ein Dogma aufgezwungen wird, das mit den gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen ist, sonst würde der Religionsunterricht nicht erweckend und erhebend, sondern geradezu schädlich wirken. Vor allem aber muß sich der Religionslehrer hüten, einen Gegensatz zwischen Rind und Eltern hervorzurufen. Das strittige jüdische Leben darf dem Rinde nur als historische Entwicklung, niemals als verbindliches Gesetz gelehrt werden; die Eltern vor den Augen des Rindes als Sünder hinstellen, wäre die Sünde aller Sünden. Der jüdischen Wissenschaft gebührt unsere besondere Liebe und pflege, damit durch sie eine neue Verinnerlichung und Vertiefung des Judentums herbeigeführt und das Judentum nach <mßen und innen würdig und edel vertreten werde. Aber nicht in der Schule, nicht in der Studierstube, sondern in der Rinderstube wird das Schicksal des Judentums entschieden. In der Rinderstube aber herrscht der Geist der Mutter. Darum müssen wir die jüdische Mutter und die künftige jüdische Mutter, das Mädchen, für die Sache des Judentums, für das religiöse Leben wieder gewinnen, wir müssen die jüdische Frau und die jüdische Tochter stärker als bisher zum religiösen und Gemeinde-Leben heranziehen. Der Frau, der geborenen Hüterin der Religion und Frömmigkeit, muß durch persönliche Beteiligung an den Institutionen des Judentums, das Judentum zur Herzenssache gemacht werden. Die Rluft zwischen persönlicher Religion und traditionellem Judentum, zwischen innerer Frömmigkeit und äußerer Form muß überbrückt werden. Das ist unser ganzes Streben, das ist der Sinn unseres Programms, das ist es, was wir wollen: Aus Religion, um die Religion zu einem lebendigen Faktor, wie ehedem im Judentum zu machen, müssen wir das Judentum in seinen Institutionen, in seinen Erscheinungsformen so umgestalten, daß es uns wieder Herzensreligion, persönliche Religion, Gegen wartsreligion werden kann. Aus unserer Sehnsucht nach „mehr Religion" nehmen wir die Berechtigung, das Judentum zu reformieren. Denn wer das Leben will, darf sich vom Toten nicht beherrschen lassen, wer die Gegenwart will, dem darf die Vergangenheit keine hemmende Fessel sein, wer die Zukunft baut, der muß sie aus lebendigen Herzen und nicht aus toten Formen bauen. Das ist der Gedanke des religiösen Liberalismus, das ist seine Daseinsberechtigung. Aus Religion haben wir nicht Genüge an der Religion, wie sie auf uns gekommen ist. wir wollen das Judentum nicht nur als totes Erbe dev Väter in unseren Büchern und Institutionen bewahren, sondern es zu unserm Lebensgut, zur lebendigen Religion unseres Herzens machen, indem wir es in jedem Geschlechts aufs neue erwerben. Für diesen religiösen Liberalismus, für diese große Bewegung, für dieses Programm fordern wir Ihre Teilnahme. Mögen Sie nicht an einzelnen Punkten des Ihnen vorgelegten Programms mit Ihrer Rritik einsetzen. Unser Programm ist unvollkommen, das wissen wir. Aber unser Programm will ja auch kein Dogma sein, das auf alle Zukunft jeden Einzelnen festlegt. Mögen sie Ihre persönlichen wünsche und Ausstellungen um des Gelingens der großen Sache willen, zurückstellen. Auch wir, die wir uns schließlich auf den Wortlaut dieses Programms geeinigt haben, mußten vielfach Selbverleugnung, Selbstdisziplin üben. Lin Programm, das jedem gefällt, zu schaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zeigen Sie durch Ihre einstimmige Annahme des Programms, daß Sie die größte Gefahr des Liberalismus, den schrankenlosen Subjektivismus in weiser Selbstbeschränkung überwunden und von sich abgewendet haben. Es ist ein großer historischer Augenblick; möge er kein kleines Geschlecht finden." Auch dieser Redner fand die ungetellte Zustimmung aller Anwesenden. Rechtsanwalt Dr. Bla«, Frankfurt a. M., welcher von der Siebener-Rommission zu einer am gestrigen Tage abgehaltenen Sitzung zugezogen war, brachte Namens der Siebenec-Rommission nachstehende Resolution ein: „Der religiöse Liberalismus im Judentum entnimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwickelung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar. wie der religiöse Liberalismus das Selbstbestimmungsrecht der Orthodoxie in ihren religiösen Angelegenheiten anerkennt und jeden Gewissenszwang verwirft, so verlangt er das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich. Die Anerkennung dieser Grundsätze bildet die unverrückbare Grundlage eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens innerhalb-der Gemeinde. Unser Programm enthält die Forderungen, die der jüdische Liberalismus für sich aufgestellt und im Gemeindeleben betätigen will; dem liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechend wird bei seiner Durchführung den lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen sein. Unter Berücksichtigung dieser Erklärung empfiehlt sich die unveränderte Annahme des Programms." Rechtsanwalt Blau bat um Annahme dieser Resolution und führte zur Begründung seines Antrages Nachstehendes aus: ,^vir wollen die Existenzberechtigung des rellgiösen Liberalismus feststellen. Es fragt sich, wem gegenüber? Einmal dem Indifferentismus gegenüber, dem das Judentum keine Lebensmacht mehr ist. Uns ist das Judentum noch eine Lebensmacht. Dann aber auch denjenigen gegenüber, die da sagen: Das Judentum ist zwar noch eine Lsbensmacht, aber