Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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\0 nicht auflösen, sondern erhalten, wir wollen nicht niederreißen, sondern aufbauen, wir wollen keine fremde Religionsform nachäffen, wir wollen den geschichtlichen Boden des positiven Judentums nicht verlassen, um uns ein Phantasie- Judentum nach eigenem Belieben zusammenzubrauen, wir tun nichts aus Assimilationsfreude und nichts aus Lmanzipationssucht. Line Bewegung wie die unsere, geht auch nicht aus Bequemlichkeit und nicht aus religiöser Gleichgiltigkeit hervor. weitab von unseren Rockschößen schütteln wir diejenigen, die den Namen des religiösen Liberalismus durch ihren religiösen Nihilismus diskreditieren, die, nachdem sie von der Orthodoxie abgefallen sind, nichts mehr glauben, nichts mehr halten, für nichts zu erwärmen und zu begeistern sind. Ihre Gesinnung ist nicht unsere Gesinnung; wir haben nichts mit ihnen gemein; denn Indifferentismus ist nicht liberales Judentum. Nein, jene große unbewegliche Masse, deren ganzer Liberalismus darin besteht, daß sie nicht mehr orthodox sind, sie sind nicht Geist von unserem Geist, sie sind kein Rind des Liberalismus. Reinen größeren Feind hat der Indifferentismus als den wahren Liberalismus. Denn der wahre Liberalismus, der uns treibt, und den wir in die Massen hinaustragen wollen, ist geboren aus der großen heiligen Sehnsucht nach persönlicher Religion, nach einer- Religion, wie sie die Psalmenlieder durchglüht und das Prophetenwort beflügelt. Aus Religion, um die Religion wieder zu einem lebendigen und belebenden Faktor wie ehedem im Judentum zu machen, aus unserer Liebe zum Judentum, die nach einem gegenwärtigen Judentum dürstet, nehmen wir unsere Berechtigung zu unserer Bewegung. Wir wollen, daß uns Lebenden das Judentum wieder das werde, was es unseren großen Religionsschöpfern, unseren Propheten, den Ründern der ewigen Menschheitsreligion einst gewesen, ein brennendes Feuer in ihrem Kerzen, eine Befriedigung ihrer nach Gott dürstenden Seele. Auch unsere Seele dürstet nach Religion, aber die alten Formen sprechen nicht mehr zu unserer Seele; auch unsere religiösen Gefühle sehnen sich nach Erweckung, aber die alten Gebräuche regen die schlummernden Gefühle nicht an, auch das neue Geschlecht will religiöse Lrbauung, aber der alte Gottesdienst mit dem unverstandenen hebräischen Gebet ist trotz aller Mystik und Romantik, die wir hineinlegen,, Lippenwerk und nicht Herzenssache; und wir können es nicht durchsetzen, daß unsere die öffentlichen Schulen besuchende Jugend so viel Hebräisch lernt, daß sie an einem rein oder fast rein hebräischen Gottesdienst Genüge finde. Und so stehen wir mit unserer heißen Sehnsucht nach persönlicher Religion, nach individueller Befriedigung unseres religiösen Verlangens dem historischen Judentum mit seinen statutarischen Vorschriften, Gebräuchen und Sitten gegenüber; und so stehen wir mit unserem modernen wissenschaftlichen Gewissen einer als Dogma sich uns aufdrängenden überwundenen wissenschaftlichen Weltansicht vergangener Jahrhunderte gegenüber. Und wir glauben nicht an die unabänderliche Verpflichtung zu allem, was einmal zeitgemäße Form und Sitte war, wir glauben nicht, daß das Judentum steht und fällt mit der unabänderlichen Aufrechterhaltung aller einmal ausgesprochenen Gedanken und religiösen Anschauungen. wir glauben es nicht eben von unserem liberalen Standpunkt aus, weil die Wissenschaft uns gelehrt hat, das Judentum als einen lebendigen Organismus anzusehen voll Lebenskraft und Entwicklungsfähigkeit, der wie ein lebendiger Baum Früchte abwerfen kann und neue Früchte in lebendigem Schaffenstrieb zeitigt. Fest stehen wir auf dem Boden jüdischer Treue und saugen unsere religiöse Rrast aus der Wurzelerde jüdischer Vergangenheit, fest stehen wir auf dem Boden des Glaubens an die religiösen Grundwahrheiten des Judentums, wie sie schriftliche und mündliche Lehre verkünden, fest stehen wir auf dem Boden, der nie und nirgend bestrittenen jüdischen Ethik, fest stehen wir in unserer Pietät gegen die jüdische Vergangenheit und wollen das jüdische Leben in Haus, Synagoge und Gemeinde weder aufgeben noch seines historischen Lharakters entkleiden. Aber das müssen wir frei und klar zum Ausdruck bringen, daß unser Judentum, dessen tiefster Sinn die Befriedigung der gottsuchenden Seele ist, nicht das Hauptgewicht auf Innehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche legt. In den ersten beiden Absätzen unseres Programms werden Sie diese Gedanken, die ich vor Ihnen entwickelt habe, in lapidaren Sätzen ausgesprochen finden. Alle unsere Programmforderungen sind in erster Linie getragen und geleitet von dem religiösen Gegenwartsbedürfnis, darum muß der Gottesdienst so ausgestaltet werden, daß wir Alter und Jugend an ihn fesseln können, daß Alter und Jugend Erhebung und Lrbauung, Befriedigung ihrer persönlichen religiösen Bedürfnisse und Stärkung ihrer inneren Frömmigkeit davon tragen. In demselben Sinne müssen aber auch unsere häuslichen religiösen Familienfeiern umgestaltet werden. Poesie und Weihe muß die vielfach erstarrten Formen neu beleben, wenn sie die alte Wirkung wiedergewinnen sollen. Der Religionsunterricht soll den Schülern das Judentum in einem solchen Lichte zeigen, daß sie es achten und lieben müssen, darum darf es nimmermehr geschehen, daß in