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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 Unaufhaltsam, seit \20 Jahren, schreitet dieser für jeden Sehenden sichtbare Entwicklungsprozeß weiter. Noch vor 65 Jahren konnte ein Zach. Frankel gegenüber den Reformbestrebungen der Rabbinerversammlungen auf die Majorität der deutschen Juden Hinweisen und das Prinzip aufstellen: „Der Gesamtwille gibt den Ausschlag"; was von der Majorität der deutschen Juden an positivem Judentum festgehalten werde, müsse maßgebend sein. Könnte Zach. Frankel heute noch diesen Grundsatz aufstellen? wo ist in den zwei Menschenaltern, die seitdem verflossen, die damalige Majorität geblieben? Jeder sehe sich in seiner Gemeinde, in seiner Familie um und schließe daraus, welche geistige Werbekraft, welche Zukunftsaussicht das orthodoxe Judentum in unserer Zeit besitzt. Zweitausend Jahre lang hat diese orthodoxe Form das Judentum erhalten, zweitausend Jahre lang, unter der Herrschaft der Scholastik, im Banne des unangefochtenen Autoritätsglaubens, im engbegrenzten Völkerverkehr, war diese, heute als orthodox erscheinende Form die einzig adäquate Form des Judentums. Heute aber hat diese Form ihre Kraft und ihren Einfluß auf die Massen verloren, in immer wachsender Zahl haben sich die aufeinanderfolgenden Generationen von diesem Judentum abgewendet, wehe, wenn es nur eine unentwegte Orthodoxie und sonst keine jüdische Lebensmöglichkeit in Deutschland gegeben hätte! wie viele von den 600,000 Juden in Deutschland wären heute übrig geblieben? wehe, wenn die Abkehr von der Orthodoxie zugleich die Abkehr vom Judentum wäre! Müßte dann nicht mit unheimlicher Notwendigkeit in dem unaufhaltsam fortschreitenden Entwicklungsgang die Stunde kommen, da das Judentum wie eine verlassene Mutter dasteht — alle ihre Kinder haben sich von ihr entfernt? Ls bleibt nichts anders übrig: Die Mutter muß den Kindern entgegenkommen; die Mutter, die ihre Kinder liebt, wird nicht sprechen: Sie sind nicht meine Kinder mehr, sondern sie wird ihnen nachgehen auf ihren wegen und sie wird sie milde an sich heranziehen. Das Judentum muß mit dem neuen Leben sich aussöhnen, wenn es nicht vom Leben ausgeschaltet werden soll; das Judentum muß der veränderten Welt sich anpassen, wenn es seinen Platz unter der Sonne im Kampf um das Dasein behaupten will; das Judentum muß der modernen religiösen Weltanschauung Rechnung tragen und darf nicht blind und todesmutig alles aufrecht erhalten wollen, was in erleuchteten Köpfen und lebendigen Ls erzen seine Geltung verloren hat. Und darum rufe ich's aus der heißen Liebe meines Herzens zum Judentum, und darum rufe ich's aus der tiefsten Ueberzeugung meiner Seele. Das Judentum muß liberal sein, sonst wird es nicht sein! Jung muß das Judentum sein, sonst wird es die Jugend nicht erhalten und gewinnen! Eine Religion der Gegenwart muß das Judentum sein, sonst wird es über kurz oder lang der Vergangenheit angehören! Ist so die Notwendigkeit einer liberalen Renaissance des Judentums erwiesen, so kann man uns freilich noch die Frage Vorhalten: woraus entnehmt ihr eure Berechtigung? Euch müßt ihr reformieren, hat der alte Zunz gesagt, nicht das Judentum! Das Judentum kann sich nicht jeder Zeit anpassen. Ihr müßt zum alten Judentum zurück, und so ihr's nicht tut, muß das alte Judentum eben ohne euch, und selbst, wenn nur einer und selbst wenn keiner ihm treu bliebe, in seiner alten Form verharren. Denn das Judentum ist unabänderlich für alle Zeiten. Also lieber soll das Judentum zu einer toten Religion werden, ehe es mit den Lebendigen lebendig vorwärts schreitet! Lieber zu Grunde gehen, als seine Entwicklungsfähigkeit anerkennen! O, das ist das tragische Verhängnis der Religion: Leidenschaftlich haben ihre eifrigen Hüter von je sich jeder neuen großen Bewegung des Lebens widersetzt und geglaubt, die Religion müsse da stehen bleiben, wo sie vor so und so vielen Jahrhunderten einmal hingestellt worden ist. Sie haben die Religion dazu verurteilt, inmitten all der gewaltigen Wandlungen im Denken und Leben der neuen Zeit, das alte Weltbild, die alten Vorstellungen, die alten Formen festzuhalten. Darum entspricht ja der gegenwärtige Stand der offiziellen Religion nicht den Forderungen der Wissenschaft und des Herzens, darum gellt der Jammer der Disharmonie zwischen Religion und Leben, zwischen Glauben und wissen. Darum reden die Linen mit gähnendem Munde von Religion und verfolgen sie die Anderen mit tätlichem Hasse. Und dann kommt man, wenn man es so weit gebracht und wirft dem heutigen Geschlecht, das von dieser Religion unbefriedigt ist, Religionslosigkeit und wirft dem liberalen Judentum Bequemlichkeit und Gleichgiltigkeit gegen Religion vor. Aber glauben diejenigen, die so laut gegen liberales Judentum protestieren, wirklich, daß uns das Judentum nicht ebenso teuer ist wie ihnen? wären wir bequem, wir ließen die Dinge gehen, wie sie eben gehen, wären wir gleichgiltig, wir kämen nicht zusammen, um dem Judentum die Jugend, und der Jugend das Judentum zu erhalten. Gerade wir Liberalen nehmen für uns das Wort „konservativ" „erhaltend" in Anspruch, wir, die wir das Judentum mit allen Mitteln für uns, für unsere Gebildeten, für die kommenden Generationen erhalten wollen, sind die eminent konservative Partei im Judentum, wir wollen

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