Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 3<ä) stehe dem Zionismus nicht feindlich gegenüber, ich liebe die jugendlichen Kerzen, die einem großen Zug sich begeisterungsvoll hingeben. Ich verstehe das Gefühl, das den Zionismus geboren hat: Die ewigen Nadelstiche, die Verwundungen unseres Selbstgefühls haben uns müde gemacht, den Völkern nachzulaufen und sie um Liebe und Gerechtigkeit anzubetteln. In Osteuropa werden unsere Glaubensgenossen hingeschlachtet, dem plündernden Pöbel preisgegeben, von Haus und Hof vertrieben. In Westeuropa krümmt sich unsere Seele wie ein zertretener Wurm unter der Verachtung, unter dem Hasse der Völker. Da schwillt unser Herz voll Sehnsucht nach einem ruhigen Plätzchen unter der Sonne, nach dem sonnigen Land unserer Väter, wo wir den Kopf hoch tragen können und Herr im eigenen Hause sind. Der Zionismus ist ein Suchen der in der Heimat heimatlos gemachten jüdischen Seele nach einer neuen Heimat — und der Zionismus war in der Tat für viele ein Zurückfinden zum Judentum. Aber wenn das Judentum den Zionisten nichts weiter ist als Nassengemeinschaft, wenn ihr ganzes Ideal, ihr ganzer Daseinszweck die jüdische Nation an sich ist — mag diese Nation glauben, hoffen, denken, leben wie und was sie will; wenn das Nationale nicht Mittel zur Erhaltung der Religion, wenn um die Juden heit und nicht um das Judentum sich alle Hoffnung rankt, dann sag ich: Mag diese gottverlassene materialistische Iudenheit zu Grunde gehen. Verlohnt sich ihre Erhaltung? was hat es für die Welt für wert, wenn noch so ein Völkchen von aller Völker Gnaden sein kümmerlich Dasein fristet? Ist das eine Zukunft, um derenwillen es sich lohnt, die Mitternacht der Geschichte zu überdauern? Der Zionismus meint: Das Judentum muß zionistisch sein, oder es wird nicht sein. Ich aber meine: Das Judentum muß religiös sein, sonst wird es nicht sein. Und dabei habe ich unser vaterländisches Empfinden noch gar nicht einmal in Betracht gezogen, unser inniges Verhältnis zu unserer deutschen Heimat, wo seit tausend Jahren die Gebeine unserer Väter ruhen, wo wir unser Heimatrecht und Heimatsgefühl in Schlachten und Parlamenten wie im friedlichen Wettkampf um die Mehrung der Güter deutscher Kultur erworben haben. — Aber noch ein anderes Allheilmittel wird uns von anderer Seite anempfohlen: Das gesetzestreue Judentum. Das Judentum muß orthodox sein, oder es wird nicht fein — so schallt es aus diesem Lager. Ihr habt die Altäre des alten Gottes niedergeriffen, bauet sie wieder auf! Ihr habt das Judentum verwüstet, stellet es wieder her, wie es war! Euer Reformjudentum ist schuld an der Zersetzung des Judentums, schuld an dem ganzen Jammer der Zeit. Ist das wahr? Liegt hier nicht eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor? Nein, nicht das Reformjudentum ist schuld an der Zersetzung desIudentums, sondern die Zersetzung des Judentums ist schuld an dem Reformjudentum. Haber: wir die alten Altäre umgestürzt? wer sind denn die „wir"? Etwa die deutschen Rabbiner, die sogenannten Reformrabbiner? Haben die deutschen Rabbiner jemals eine Seele dem orthodoxen Judentum abspenstig zu machen versucht? wurden die Berliner und Hamburger Tempel und f8s8 für die Orthodoxie oder nicht vielmehr für diejenigen deutschen Juden geschaffen, die nicht mehr in den altorthodoxen Gottesdienst gingen, die an den: alten Kultus kein Genüge fanden und die ohne den Tempel in gar keinen Gottesdienst gegangen wären? Nicht von einzelner: Männern, nicht von Mendelssohn und nicht von Friedländer, nicht von Iacobsohn und nicht von Kley, nicht von Zunz und nicht von den Reformrabbinern ist die Umwandlung des Judentums ausgegangen. Das Leben selbst hat alles getan, der mächtige Umschwung aller Verhältnisse. Wir sind alle andere Menschen geworden, wir können dem Einfluß der modernen Kultur, der sozialen Arrrräherung nicht widerstreben. Noch nie seit seinem Bestände befand sich das Judentum in einer solchen Lage wie heute. Noch nie stand es so mitten im Völkerleben, eingefügt irr den Organismus des Staats und des Weltverkehrs. Jener alte Rabbiner, welcher rricht emanzipiert sein wollte, weil er von der Emarrzixation eine notwerrdige Veränderung des Judentums fürchtete, hatte von seinem Standpunkte nicht so Unrecht. Ls müssen schon ganz besondere Verhältnisse sein, wenn es heute dem orthodoxen Judentum gelingt, feine Kinder durch zwei, drei Generationen hindurch auf dem alten Standpunkt im Leben und Derrken zu erhalten. Sie rnüffen dem Einfluß der allgemeinen Schule ferngehalten werden, die beherrschende Macht des Familienlebens muß eine eiserne Klammer schmieden, aus der keiner so leicht entrinnen kann, ein besonderes soziales Milieu innerhalb unserer Gesellschaft muß gleichsam die Atmosphäre bilden, innerhalb deren der Orthodoxe leben muß, um orthodox zu bleiben. wo diese Verhältnisse nicht vorhanden sind, da besitzt das altfrornme Judentum nun einmal irr unserer Zeit nicht mehr die Kraft, seine Kinder dem allmächtigen Einfluß der veränderten Verhältnisse zu entziehen, da vermag die Orthodoxie, trotz all ihrer Gpferfähigkeit, trotz ihrer bewundernswerten Organisationskraft, trotz aller vorübergehender: Siege, die Iugerrd nicht geistig festzuh alter:.