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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Programm entworfen. <Db es uns gelungen ist, die mittlere Linie zu finden, auf der sich die mehr nach rechts und die mehr nach links fich Neigenden gemeinsam bewegen können, haben Sie, geehrte Herren, zu entscheiden. Lin Opfer des Intellekts, ein Opfer der religiösen Ueberzeugung zu bringen, wird, so hoffen wir zuversichtlich, keinem liberalen Juden durch unseren Entwurf zugemutet, aber auf das eine Gpfer, das stets gebracht werden muß, wenn ein großes Werk zustande kommen soll, und das darin besteht, daß persönliche wünsche auf den Altar der Gemeinsamkeit niedergelegt werden, kann auch heute nicht Verzicht geleistet werden. Möge aus dieser Opferflamme der Gott wohlgefällige Duft des Friedens und der Wahrheit emxorsteigen, zum Heile Israels, zum Segen für uns und unsere Nachkommen." Allseitiger Beifall folgte diesen mit jugendlichem Feuer vorgetragenen Ausführungen des Rabbiner Dr. vogelstein. Als zweiter Redner sprach Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M., über „Unser Programm": Ueber „Unser Programm" soll ich zu Ihnen reden. „Unser Programm" d. h. „Was wollen wir?" Indem ich mich aber anschicke, diese Frage zu beantworten, schiebt sich eine andere Frage in den Vordergrund: „warum wollen wir etwas?" Aus welchen Motiven ist unsere Bewegung geboren? welche Unzufriedenheit treibt uns? Denn jedes Neue, was geschaffen werden soll, geht aus einer Unzufriedenheit mit dem Alten hervor. Nun, haben wir nicht Grund, mit dem Judentum der Gegenwart unzufrieden zu sein? Oder ist alles in der besten Ordnung? wie viele glauben denn noch mit aller Tiefe der inneren Ueberzeugung an die Zukunft des Judentums? wie vielen ist das alte Judentum heute noch eine lebendige Religion? Line persönliche Religion? Ueber die ganze westeuropäische Iudenheit, die vom Taumelkelch der modernen Kultur getrunken, ist es wie eine Todesmüdigkeit gekommen. Die Juden Deutschlands und Oesterreichs, Frankreichs und Belgiens, Italiens und Englands leiden an ihrem Judentum. Von außen Haß und Verachtung, von innen das Gefühl der Kraftlosigkeit, Zwecklosigkeit, die Symptome der Dekadence in ihren niederdrückendsten Erscheinungsformen. Glauben Sie nicht, daß ich zu schwarz male; ich möchte lieber meine Rede schöner färben. Aber noch nie hat die Schönfärberei, noch nie hat das Vertuschen der Wahrheit genutzt. Man muß dem Feind ins Angesicht sehen, man muß ihn kennen in seiner ganzen Macht, um ihn bekämpfen zu können. Zahlen reden eine eindringliche Sprache, Tatsachen sind nicht aus der Welt zu schaffen. Das westeuropäische Judentum ist krank. In seinen von der Religion abgewandten obersten sozialen Schichten vergiftet von äußerlichem Strebertum, ohne sittlichen Ernst, ohne Lebenstiefe. Jeder Modenarrheit laufen sie nach, wenn sie nur vom Judentum befreit. Monismus, ethische Kultur, Dissidententum, Freidenkertum — die Juden stellen dazu das größte Kontingent. wie der Wolf in die Herde einbricht, ist in diesen Kreisen der Abfall von Religion und Judentum eingerissen; er ergreift die Söhne und die Töchter der Reichen, er ergreift die Frauen und verwandelt die geborenen Hüterinnen der Religion zu ihren Zerstörerinnen. In jedem Jahre — seit den letzten Jahrzehnten — haben in den deutschen Großstädten ^—500 den Glauben ihrer Väter vor christlichen Altären abgeschworen. Ihre Kinder, die unmündigen, führen sie in Scharen dem neuen Moloch zu, dem Götzen der Karriere und des charakterlosen Strebertums; 9 von j00 Kindern nehmen in den Großstädten Norddeutschlands am christlichen Religionsunterricht teil, zahllose wachsen ohne Religionsunterricht, ohne sittliche Zucht, ohne Bildung des Herzens und Gewiffens auf, haltlos in den schweren Stunden des Lebens. Selbstmorde, sittliche Verbrechen — einst unbekannt in jüdischen Kreisen — mehren sich in beängstigendem Grade. wahrlich, groß und herzzerreißend ist die Not unserer osteuropäischen Glaubensgenoffen in Rußland, Rumänien, Galizien und in Marokko, groß und herzzerreißend ist aber auch dieser erbarmungswürdige innere Notstand des Judentums in Westeuropa. Die wir heute noch feststehen, die wir heute noch mit zitternder Liebe hängen an unserer Väterreligion — wie wirds in der zweiten, in der dritten Generation um uns stehen? Wenn wir krank sind an europäischer Kultur — was soll das Ende sein? Soll es ruhig so weiter gehen? Sollen wir zusehen mit untätigen Händen? Und nicht heilen wollen? Da sitzen freilich die Doktoren und sagen: wozu der Notschrei? Ist das Heilmittel nicht schon gefunden? Haben wir nicht das Schlagwort ausgegeben, das aller Iudennot ein Ende macht? Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein. Der Zionismus ist das Zukunftsideal, an dem die jüdische Hoffnung sich emporrankt. Der Zionismus ist das Verjüngungsbad, durch das die jüdische Seele gesundet. Tausende folgen seiner siegreichen.Fahne, tausende haben ihr verlornes Ich, ihr jüdisches Selbstbewußtsein durch ihn wiedergefunden. Der Zionismus ist die Zukunft des Judentums.

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