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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Konfessionen ringt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß die Religion ein unentbehrlicher Faktor, eine geistige Macht ist, die ihr Anrecht an die Menschen geltend macht. Nutzen wir diese sich uns darbietende Gelegenheit, treten , wir mutig und entschlossen, pietätvoll und unter schonender Berücksichtigung des geschichtlich Ueberlieferten der noch vielfach verbreiteten irrigen Ansicht entgegen, als ob das Wesen des Judentums lediglich oder vorzugsweise in dem Festhalten an veralteten und abgestorbenen Bräuchen bestehe, als ob Frömmigkeit und religiöser Fortschritt Gegensätze seien und nicht vielmehr unzertrennlich zusammengehören. Lsüten wir uns vor der falschen Pietät, die nur Totenkränze windet, aber für die Lebenden keine frische Blüten hat, die nur die Vorfahren kennt und nicht bedenkt, daß auch Enkel nach uns kommen, die nur in die Vergangenheit zurückblickt, das Recht der Gegenwart aber mißachtet und dadurch das Tor der Zukunft verrammelt. Trösten wir uns auch nicht mit dem Gedanken, daß das, was sich überlebt hat, von selbst ohne unser Ls inzutun ausgeschieden wird. Sicherlich wird das geschehen, denn das Tote läßt sich nicht künstlich wiederbeleben, aber die eminente Gefahr ist vorhanden, daß auch viel Gutes und Lebenskräftiges, das der Erhaltung wert ist, mit ihm dem Untergang geweiht wird. Dieses schwächliche die Dinge gehen lassen, wie sie gehen, hat schon so große Verwirrung und Zerstörung angerichtet, daß seine Gefährlichkeit allseitig erkannt werden müßte. Lassen wir uns vor allem nicht durch eine an sich gewiß löbliche, aber, wenn zur Untätigkeit und Schlaffheit führend, höchst tadelnswerte Friedensliebe zurückhalten, die bessernde Lsand an die Schäden zu legen, „überall, wo ein Schaden sich zeigt." „Die Wahrheit und den Frieden sollt ihr lieben," mahnt ein beherzigenswertes Prophetenwort. Bezeichnenderweise — so sagte ich vor Jahresfrist in einem Aufsatze, in dem ich den äußeren Anstoß zu der in der heutigen Versammlung zu beschließenden liberalen Vereinigung gab — bezeichnenderweise wird die Wahrheit dem Frieden vorangestellt, weil ohne Wahrheit auch kein Friede bestehen kann, allenfalls würde es eine Grabesstille oder eine Ruhe vor dem Sturm sein, aber nicht der beseligende Zustand, der den Name Friede verdient. Das sollten sich alle gesagt sein lassen, die da glauben, auch auf Kosten der inneren Wahrhaftigkeit sollen wir um des lieben Friedens willen an bestehenden Einrichtungen nicht rütteln, auch auf die Gefahr hin, daß das religiöse Empfinden vieler dauernd verletzt werde, müffe am alten Brauche, eben weil er alt und von den Vätern überliefert sei, festgehalten werden, damit nur die Kampfeslust der Orthodoxie nicht wachgerufen werde. Wir begehen wahrlich keinen Einbruch in das orthodoxe Gebiet und wollen ihn auch in Zukunft nicht begehen, wir lassen den Besitzstand der Konservativen unangetastet, wir ehren jede ehrliche Ueberzeugung und können uns ein liberales- Judentum, das gegen andere intolerant ist, gar nicht denken. Das wäre ja auch ein Widerspruch in sich selbst, liberal und intolerant reimt sich nicht zusammen. Allein wir verlangen auch für uns das Recht und die Freiheit, unserer religiösen Ueberzeugung kräftigen Ausdruck zu verleihen und für diejenigen, die sich uns anschließen und die ohne die innere Wahrhaftigkeit zu verleugnen und einen dauernden Zwiespalt in sich zu tragen, manche überlieferte Formen und Gebräuche nicht beobachten können, die religiösen Institutionen so auszuge st alten, daß sie ihren Zweck erfüllen, daß sie zu höherem Empfinden anregen, daß sie wahrhaft fromme Gedanken erzeugen. Ls gilt, dem Liberalismus in der deutschen Iudenheit die Stellung zu erobern, die ihm, abgesehen von der großen Zahl seiner Anhänger, nach seiner geistigen Bedeutung zukommt. Das ist aber nur möglich, wenn ihm eine feste Organisation gegeben wird, wenn an Stelle der bisherigen Zersplitterung eine möglichst alle Kräfte zusammenfassende Vereinigung gegründet wird, wenn jeder liberal denkende Jude im entlegensten Winkel unseres Vaterlandes das Bewußtsein hat, daß eine große Anzahl Gleichgesinnter ihm zur Seite steht, und daß ihm von Zeit zu Zeit Gelegenheit geboten wird, durch persönlichen Meinungsaustausch mit ihnen seine Ansichten zu klären, über wichtige religiöse Fragen belehrt und in seinen liberalen Anschauungen gefestigt zu werden. Die Autonomie der Gemeinden soll nicht den geringsten Abbruch erleiden, die Gewissensfreiheit und die Freiheit in der Ausübung der Religion und ihrer Vorschriften soll durch unsere Vereinigung keinem Mitglieds beschränkt werden. Auch kann und braucht nicht eine Uebereinstimmung in allen Fragen zu herrschen, das liegt im Wesen des Liberalismus begründet, das besagt schon sein Name, der ja Freiheit bedeutet, wir wiffen sehr wohl, daß lokale Verhältnisse berücksichtigt, daß Ueberlieferungen und Sitten respektiert werden müssen, daß eine Einrichtung, die an einem Orte segensreich und dem religiösen Leben förderlich ist, an einem anderen Orte aus praktischen Gründen nicht eingeführt werden kann. Nur in den Grundprinzipien muß eine Einigung erzielt, sie müssen in einem Programm, das gleichsam die Verfassung, die magna cbarta der Vereinigung bildet, festgelegt und zu klarem, präzisen Ausdruck gebracht werden. Das haben wir versucht zu tun. In mühsamer, langwieriger Arbeit, jeden Satz, ja jedes Wort sorgsam überlegend, haben wir ein kurzes, aber, wie wir glauben, inhaltreiches

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