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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Von dem Augenblicke an, da die deutschen Duden zur Teilnahme an der allgemeinen Kultur und an dem öffentlichen Leben, von dem sie Jahrhunderte ausgeschlossen waren, zugelassen wurden, hat sich in ihren religiösen Anschauungen eine Umwandlung vollzogen, die naturgemäß -auch eine Um- und Neugestaltung mannigfacher religiöser Formen notwendig machte. Das haben die führenden Geister im vorigen Jahrhundert auch erkannt, und sie waren darum redlich bemüht, ohne den Faden abzureißen, der die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft, unserer Religion zunächst im Kultus eine moderne Gestalt zu geben, dem ästhetischen Empfinden Rechnung zu tragen und dafür zu sorgen, daß die Bedürfnisse des Geistes und Gemütes im Gottesdienste Befriedigung finden. Du Rabbinerversammlungen, an denen weitschauende Männer, wie Frankel, Geiger, Philixpson, Lserzfeld teilnahmen, Männer, die als hervorragende Gelehrte wie als praktische Seelsorger sich eines klangvollen Namens erfreuen, und deren Verdienste um das Gesamtjudentum unvergeßlich sind, wurde mit wissenschaftlichem Ernste und unter sorgfältiger Erwägung aller Umstände über die Zulässigkeit und das Maß der Reformen beraten, die auch, zum Teil freilich unter heftigen Kämpfen, in manchen Gemeinden eingeführt wurden. Aber es stellte sich allmählich heraus, daß die Theologen allein dem religiösen Leben und der zeitgemäßen Entwickelung des Dudentums den nötigen Dmpuls nicht zu geben vermochten, „daß die Priester allein die Schäden am Religionsgebaude nicht heilen konnten", daß eine Beteiligung der Laienwelt nicht entbehrt werden konnte, wenn die Reformbestrebungen aus der grauen Theorie in die Praxis hinübergeführt, wenn die Stagnation, die auf den anfangs kräftigen Aufschwung folgte, beseitigt werden sollte. Durch Synoden, in denen Rabbiner und Laien gemeinsam berieten, hoffte man, das Dntereffe zu wecken und eine lebhaftere Anteilnahme des großen Publikums an den religiösen Fragen zu erzielen. Zwei Synoden haben stattgefunden, die eine zu Leipzig im Dahre J869, die andere zu Augsburg ^87\, unmittelbar nach der wiederaufrichtung des Deutschen Reiches; an der letzteren habe ich selbst teilgenommen. Beide waren auch leidlich gut beschickt, .die dort gepflogenen Verhandlungen haben viel wertvolles zu Tage gefördert und liefern reiches Material, das mit Nutzen auch jetzt noch verwendet werden kann. Aber es war doch, wie bald erkennbar wurde, dabei übersehen worden, daß der Boden nicht genügend vorbereitet war, daß freie Synoden, in denen über Linzelfragen der religiösen Praxis Beschluß gefaßt wird, erst in einem späteren Stadium der freiheitlichen Bewegung am Platze sind, wenn der liberale Gedanke erstarkt und in weite Kreise gedrungen ist, wenn zum mindesten ein großer Teil der Gebildeten die Notwendigkeit der Fortentwickelung der religiösen Dustitutionen im Geiste der modernen Weltanschauung erkannt hat. So ist denn in der Tat der greifbare Erfolg der Synoden ein sehr geringer gewesen, und dieser Mißerfolg in Verbindung mit der allen liberalen Bestrebungen wenig günstigen Zeitströmung einerseits und der fast eine unumschränkte Herrschaft ausübenden materialistischen Richtung andererseits hat von einer energischen Förderung des liberalen Gedankens abgeschreckt, und ein bedauerlicher Niedergang des Liberalismus war die Signatur des letzten Dahrzehnts des vorigen und des ersten Dahrfünfts des gegenwärtigen Dahrhunderts. Dazu kam, daß wir gezwungen waren, uns gegen die Angriffe und Ausschreitungen des Antisemitismus zu wehren, daß unsere staatsbürgerlichen Rechte bedroht waren, daß Einigkeit nach außen uns dringend not tat, daß wir unsere Kraft nicht durch innere Kämpfe und Zwistigkeiten schwächen mochten. Freilich hat die Orthodoxie auch in der schweren Zeit ihre Sonderinteressen eifrig verfolgt, mitunter wie z. B. beim preußischen Volksschulunterhaltungsgesetz zum Schaden der Gesamtheit, sie hat es überhaupt verstanden, ihre Position zu befestigen, ihre Reihen zu schließen, sich zu einem großen Bunde zu vereinigen, in vielen Genieinden trotz ihrer Minderzahl Ton und Richtung angebend zu werden. Aber es sind nur pyrrnssiege, die sie errungen hat, denn in ihrem eignen Lager hat namentlich unter der Dugend der Dudifferentrsmus und der förmliche Abfall ebenfalls um sich gegriffen. Gäbe es eine Statistik hierüber, sie würde den Beweis liefern, daß eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Abtrünnigen oder nur ganz lose, nur dem Namen nach mit dem Dudentum Zusammenhängenden aus orthodoxen Familien hervorgegangen ist. Uns Liberalen, die wir das Auge auf das Ganze gerichtet haben und die Ueberzeugung in uns tragen, daß nur die auf freiheitlicher Grundlage sich vollziehende Entwickelung des Dudentums zum Heile führt und seinen reichen Lehrinhalt der jüngeren Generation in angemessener Form darzubieten vermag, uns liegt die heilige Pflicht ob, dafür zu sorgen, daß diese Entwickelung nicht länger hinausgeschoben wird, es ist hohe, ja höchste Zeit, der Versumpfung des religiösen Lebens vorzubeugen, wir tragen eine hohe Verantwortung, denn die Zukunft des Liberalismus. — darüber kann sich niemand täuschen, der sich den klaren Blick in die Verhältniffe gewahrt hat — ist die Zukunft des Dudentums. Ls geht wieder ein religiöser Zug durch die Welt, die Herrschaft des krassen Materialismus, der das Gemüt unbefriedigt läßt, ist, wenn auch noch nicht im Schwinden, so doch in der Abnahme begriffen; unter den Gebildeten aller

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