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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Aeußerung gelangt, überwindet alle Hindernisse und Schwierigkeiten, die ihre lebendige Betätigung hemmen, unsere altehrwürdige und doch ewig jugendfrische Religion, die uns lehrt, unter der Fahne des Gottesglaubens nach den höchsten Idealen reinen Menschentums zu streben, und die zugleich den Anforderungen des praktischen Lebens und den wechselnden Zeitverhältnissen gerecht wird, hat auch in unseren Tagen ihren segensreichen Einfluß auf den Geist und das Gemüt vieler Tausende und Abertausende nicht eingebüßt und hat in manchen von Ihnen das lebhafte Verlangen wachgerufen, die gleichfalls leider nach vielen Tausenden zählenden Gleichgültigen und Abseitsstehenden dem religiösen Leben wiederzugewinnen, ihnen Begeisterung für die erhabenen Ziele des Judentums einzuflößen und so seine Zukunft gegenüber allen ihm drohenden Gefahren sicher zu stellen. Denn daß dunkle Wetterwolken am Horizont des Judentums heraufgezogen sind, ja, daß sie zum Teil sich schon entladen und furchtbare Verheerungen angerichtet haben, dieser Erkenntnis kann sich niemand verschließen, und es ist nicht so sehr der äußere Feind, der Antisemitismus, der unsere Reihen lichtet und unsere Kraft schwächt, obwohl auch sein unheilvoller Einfluß nicht wegzuleugnen ist, als vielmehr der weit gefährlichere innere Feind, der Indifferentismus, der mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft werden muß, wenn wir mit Seelenruhe und froher Zuversicht in die Zukunft blicken, wenn wir unser heiliges Erbe der treuen Hut unserer Kinder und Kindeskinder anvertraut wifsen wollen. Die Orthodoxie vermag diesen Kampf nicht mit Aussicht auf Erfolg zu führen, da ja gerade der durch die starre Form der Religion hervorgerufene Widerspruch zwischen Lehre und Leben, wenn nicht den Indifferentismus erzeugt, so doch wesentlich zu seiner Verbreitung und Ausdehnung beigetragen hat. Denn gar viele, die die zeremoniellen Vorschriften und Bräuche nicht beobachten, sind eben der irrigen Meinung, daß sie sich dadurch der Religion entfremdet haben, und werden infolgedessen gegenüber, dem Judentum überhaupt gleichgültig. — Nur der Liberalismus, der streng scheidet zwischen Form und Schale, der den ewigen Gehalt und die wechselnden Formen der Religion sorgfältig auseinander hält, der die Pietät gegenüber dem von der Vergangenheit Ueberlieferten mit der liebevollen Berücksichtigung des von der Gegenwart Geforderten zu vereinbaren versteht, der die Lntwickelungsfähigkeit des Judentums als obersten Grundsatz verkündet, nur der kann, wenn er in den richtigen Bahnen wandelt, sich von umstürzlerischem Radikalismus wie von schwächlicher Inkonsequenz gleich weit entfernt hält, sich der Hoffnung hingeben, von den schon halb und halb zu den Verlorenen zu Zählenden wenigstens einen Teil zurückzuerobern und vor allem dem Umsichgreifen des Indifferentismus Einhalt zu tun. Die Berechtigung des liberalen Standpunktes ist durch die Geschichte des Judentums auf das Unzweideutigste dargetan. Zu allen Zeiten hat man teils stillschweigend, teils durch förmliche Beschlüsse von Körperschaften oder hervorragenden Gelehrten an bestehenden Bräuchen Aenderungen vollzogen oder sie gänzlich aufgehoben und neue Bräuche und Bestimmungen eingeführt, denen man religiöse Kraft und Weihe verlieh. In unseren Traditionsschriften finden sich zahlreiche Belege für diese Behauptung. Der Talmud führt eine große Anzahl von aufgehobenen und neu angeordneten Gesetzesvorschriften an mit der Motivierung, daß das Heil der Gesamtheit solche Maßregeln erforderlich mache, oder, wie er sich mitunter ausdrückt, „weil die Gemeinde sonst nicht bestehen könne." Er erkennt auch den Gelehrten das Recht zu, selbst biblische Gebote außer Kraft zu setzen, wenn sie gegenstandslos geworden sind, oder wenn ihre Befolgung und Ausübung der inneren Wahrhaftigkeit widerspricht und zur Lüge und Heuchelei wird. Und von diesem Rechte ist zu allen Zeiten Gebrauch gemacht worden, so von dem Hohenpriester Jochanan, von Hillel sowie von Rabbi Jochanan ben Sackai, Rabbi Gamliel u. a. Stets hat man es auch verstanden, einen Ausgleich zwischen Religion und Zeitbewußtsein, zwischen dem Glauben und der Wissenschaft herbeizuführen; ich brauche diesbezüglich nur auf Saadia und Maimonides hinzuweisen; man hat ferner die Volkssitten berücksichtigt und darum für verschiedene Länder verschiedene Einrichtungen getroffen, ohne irgendwie zu befürchten, daß dadurch die Einheit des Judentums, die ja nicht in absoluter Gleichförmigkeit zu bestehen braucht, Schaden nehmen könne. Und ist nicht auch die heutige Orthodoxie von der etwa vor einem Jahrhundert gar sehr verschieden? Hat sie nicht vieles allmählich akzeptiert, wogegen sie sich lange Zeit vergeblich gesträubt? Bat sie nicht vieles aufgegeben, woran sie unverbrüchlich fest halten zu wollen erklärt hatte? Besteht nicht ein himmelweiter Unterschied zwischen den deutschen und beispielsweise den russischen, polnischen und ungarischen Orthodoxen? Ist es doch wiederholt vorgekommen, daß die Koryphäen der deutschen Orthodoxie, die festesten Säulen strenger sogenannter Rechtgläubigkeit von ausländischen Juden noch strengerer Observanz als Neuerer gefährlichster Art verketzert und gebrandmarkt worden sind. Wer die Lntwickelungsnnd Anpassungsfähigkeit des Judentums leugnet oder für die Gegenwart nicht gelten lassen will, der muß sich eben zum mittelalterlichen Ghettojudentum bekennen, oder er macht sich beständig der Inkonsequenz schuldig, befindet sich in einer Selbsttäuschung und setzt sich durch sein verhalten in Widerspruch mit seinen eigenen Theorien.

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