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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Protokoll der konstituierenden Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in veuttckiand. Berlin, den 3. Mai $08. (Großer Saal des Architektenhauses wilhelmstr. 92/92.) . Die konstituierende Versammlung der liberalen jüdischen Vereinigung, welche von der Siebener-Kommission bestehend aus den Herren Zustizrat Bernhard Breslauer, Dr. med. A. Baerw ald, Rabbiner Dr. Freudenthal, Dr. med. Larl Reich, Professor Dr. M. S ch a e f e r , Rabbiner Dr. S e l i g m a n n , Rabbiner Dr. Lj. vogelsteiu, cinberufen war, wurde um $1/4 Uhr von dem Vorsitzenden der Siebener-Rommission, Zustizrat Breslauer, eröffnet. Derselbe wies darauf hin, daß die Versammlung in ernster Stunde zusammengetrcten sei; es gälte unsere religiösen Anschauungen zu betätigen. Dem religiösen Liberalismus sollte freie Bahn geschaffen werden. Die bereits vorhandenen liberalen Vereine hätten nach dieser Richtung hin allein nicht genügend wirken können. Der Vorsitzende hob hervor, daß der Artikel des Rabbiner Dr. vogelstein-Stettin den ersten Anstoß gegeben habe, daß im Herbst vorigen Jahres in Frankfurt a. UI. die bereits bestehenden liberalen jüdischen Vereine Berlin, Frankfurt a. M., Breslau mit einigen Freunden aus Hamburg, Stettin und Nürnberg zusammengetreten seien, die Siebener-Rommission gebildet und sie beauftragt hätten, ein Programm zu entwerfen und die vorbereitenden Schritte zur Bildung einer liberalen Vereinigung für Deutschland zu tun. Die Siebener-Rommission habe seitdem angestrengt gearbeitet, das Resultat dieser Arbeit sei in der in Berlin am 26. Januar d. Z. von einem größeren Rreise abgehaltenen Versammlung in dem Aufruf und in dem Programm, das heute vorliege, zutage getreten, und nun handele es sich darum, die beabsichtigte liberale jüdische Vereinigung für ganz Deutschland zu konstituieren. Die Versammlung erklärte sich auf Anfrage des Vorsitzenden damit einverstanden, daß die Mitglieder der Siebener-Rommission das Bureau der heutigen Versammlung bilden, und daß der Unterzeichnete Schriftführer des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin das Protokoll führe. Professor Dr. S. B l a s ch k e begrüßte namens des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin die Erschienenen. Er hoffe, daß das heutige Werk der gesamten Iudenheit zum Segen gereiche, weil es sich auf breitester Grundlage aufbaue. Dies sei eine Sicherheit dafür, daß die Bestrebungen nicht in Extreme ausarten. Die Beurteilung aller Fragen mit dem Ziele, unsere Lehre mit unserem Leben in Einklang zu bringen, gehe von der Beantwortung der Frage aus: was ist Gesetz in unserer jüdischen Lehre? Die Frage sei schwer zu beantworten, sie wird sich erst im Laufe unserer Tätigkeit feststellen lassen. Man könne dies leichter negativ als positiv abgrenzen. Das Gesetz ist nicht vorwiegend im Alter begründet. Er sehe sehr häufig eine Gefahr für unsere jüdische Religion auch darin, daß Vorschriften zu leicht die Form eines Dogmas annehmen. Ls scheine ihm nicht als radikal, wenn man bei der jüdischen Religion nur von einem Dogma spreche, nämlich dem, daß Gott einzig und ewig sei. Alles übrige folge hieraus; bei den Gebräuchen müsse man untersuchen, für welche Zeiten und wann sie eingeführt worden sind. Der Liberalismus wird deshalb manches ausroden müssen, positiv möchte er von dem Gesetze sagen: alles, was von dauernder Rrast sein soll, muß mit unserem Leben in innigem Zusammenhangs stehen, und unser Leben muß denselben innigen Zusammenhang haben mit unserer Lehre, viele Gebräuche müssen als erstarrt bezeichnet werden, weil sie dem Leben in uns und um uns zuwider sind. Die Aufgabe der neuen Vereinigung glaube er in den Berufungsworten des Propheten zu sehen: „Du wirst ausroden und niederreißen, Du wirst bauen und pflanzen." Der Vorsitzende, Zustizrat Breslauer, teilte alsdann mit, daß der Aufruf und das Programm an ca. 2000 deutsche Juden versandt worden sei, daß der neu zu gründenden Vereinigung bereits 536 Mitglieder beigetreten seien, und daß etwa 200 Personen aus ganz Deutschland sich zur heutigen Versammlung angemeldet hätten. Unter den 556 Mitgliedern befinden sich 56 Rabbiner. Der heutigen Versammlung wohnen 35 Rabbiner bei, darunter 32, die bereits Mitglieder geworden sind. Zn Hamburg habe sich bereits eine liberale Vereinigung im Sinne unserer Bestrebungen gebildet. Zustimmungsadressen und Dankschreiben seien aus allen Teilen Deutschlands eingetroffen, ebenso Begrüßungsdepeschen zu der heutigen Versammlung. Der Vorsitzende schloß mit den Worten: „was der Liberalismus bedeutet, und wie wir unser Programm verstehen, werden Sie bald aus berufenem Munde hören. Herzenssache ist es mir nur noch, es nochmals zu betonen, welch freudiges Gefühl uns alle beherrscht, da sich endlich die liberalen Elemente dazu aufgerafft haben, offen zu bekennen, daß unser Leben mit unserer Lehre in Einklang gebracht werden muß." hierauf nahm Rabbiner Dr. Vogelstetn, Stettin, das Wort zu nachstehenden Ausführungen: „Der hohen Freude und Genugtuung und ganz besonders der innigen Dankbarkeit gegen Gott, der uns in seiner Gnade den heutigen bedeutungsvollen und inhaltreichen Tag hat erleben lassen, gebe ich zunächst und vor allem feierlichen Ausdruck und knüpfe hieran den sehnlichen Wunsch, daß die Hoffnungen, mit denen wir diese Tagung begrüßen, und denen der Herr Vorsitzende so schöne und ergreifende Worte geliehen hat, sich zum Heile der deutschen Zudenheit und zur Kräftigung des religiösen Gedankens erfüllen mögen. Line so zahlreiche, aus allen Gauen unseres teuren Vaterlandes beschickte, durch so viele klangvolle Namen von Vertretern aller Stände und Berufsklassen ausgezeichnete und darunr achtunggebietende Versammlung freisinniger jüdischer Nlänner hat auf deutschem Boden noch niemals stattgefunden, sie legt beredtes, vollailtiges Zeugnis ab, daß auch in der Gegenwart, die auf religiösem Gebiete manch traurige und tief betrübende Erscheinung gezeitigt hat, das alte Wort unserer weisen sich bewährt: Zsrael ist nicht verwaist, seine urwüchsige Kraft, wenn auch eine zeitlang niedergehalten und nicht zur vollen

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