Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Darum wollen wir „liberales Judentum". Keine kleinliche und enge Religion, keine Religion mit starren Dogmen und unveränderlichen Formen, sondern eine Religion, die es aufnehmen kann mit jeder neuen Weltanschauung, und die bestehen kann vor dem Richterstuhl der Vernunft und der Wahrhaftigkeit, eine Religion so weit und ftei, so licht und groß, voll Liebe und Wahrheit, voll Schönheit und Kraft, voll Weihe und Poesie, daß die Geister und Kerzen ihr zufliegen müssen. Nach diesem Judentum der Zukunft spannen sich die Segel unserer Hoffnung. Aus den: starken Wollen und Schaffen der Gegenwart, aus der stillen gemeinsamen Arbeit wird dann wohl für die kommenden Generationen das Starke, Große festgefügt und festgegründet hervorgehen, wozu wir die Bausteine Zusammentragen. — Dieser stillen gemeinsamen Arbeit an dem Bau der Zukunft des Judentums will diese Zeitschrift dienen. Offen und bestinnnt, ftei und entschieden, treu und wahrhaftig will sie das liberale Banner nach langer Zeit wieder kraftvoll und zuversichtlich entfalten. Sie will dem Sehnen und Verlangen der deutschen Iudenheit ihre Stimme leihen. Sie will ein Bote fein an die Entfremdeten, um sie zurückzuführen unter die Fittiche des liberalen Judentums. Sie will die Schwankenden festhalten und die Watten stärken mit neuer Liebe zum Judentum. Sie will das liberale Judentum an sich glauben lehren und seinen Lebensmut anfachen. Denn das liberale Judentum wird so stark sein wie sein Glaube an sich selbst, an seine Kraft, an seine Zukunft. — Diese Zeitschrift wendet sich an das lebende Geschlecht, das eine neue Lebensmöglichkeit des Judentums in dieser Gegenwart sucht und eine neue Zukunft mitbauen helfen will, an Männer wie an grauen, an die Jugend vor allem. Diese Zeitschrift hat ein gebildetes aber kein gelehrtes Publikum vor Augen. Darum wird sie sich fern halten von gelehrten Detailuntersuchungen und unfruchtbarer antiquarischer Behandlung des Judentums. Lange genug hat das Judentum unter der philologischen Behandlung gelitten. Lange genug hat die Wissenschaft des Judentums ihren Gegenstand als totes Material behandelt und ist an den Kämpfen und Problemen der jüdischen Gegenwart achtlos vorbeigegangen. War Teilnahmlosigkeit des jüdischen Publikums die Folge dieser weltftemden Wissenschaft, so soll es eine der vornehmsten Aufgaben des „liberalen Judentums" fein, eine Wissenschaft zu pflegen, die die bisherige Gleichgiltigkeit in rege lebendige Teilnahme wandelt. Den großen geistigen Bewegungen des Judentums der Gegenwart in die Tiefe nachzugchen, den großen religiösen und historischen Problemen des gegenwärtigen Judentums nahe zu treten, das Recht auf Entwicklung nachzuweisen und zu begründen, den unheilvollen Widerspruch zwischen Leben und Lehre theoretisch und praktisch einer Lösung entgegenzuführen — in den Dienst dieser lebendigen Wissenschaft will sich diese Zeitschrift stellen. So möge diese Zeitschrift hinausziehen in die deutschen Lande und durch das beflügelte Wort die Gleichgesinnten unter dem liberalen Banner neu zusammen scharen. Möge sie bald ein ftoh begrüßter Gast in jedem liberalen jüdischen Hause werden! Wöge sie neues jüdffches Leben pflanzen, schlummernde jüdische Gefühle wecken und an die jüdischen Gewissen mächtig pochen! Wöge sie ein Künder neuer Morgenröte sein, die uns einen herrlich leuchtenden kommenden Tag verheißt für das liberale Judentum in Deutschland!