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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 1 (1908) · page 1

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oberelles Judentum JTlonafsfchriff für die religiösen Interelten des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in veutfckland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. JTl. No. 1. Jahrgang 1. 1908. Zur Cinführung. Zu neuer Morgenfrische will das liberale Judentum nach einer Zeit tiefer Erschöpfung wieder erwachen. Lange Jahre lastete der Fluch der Unfruchtbarkeit auf ihm. Der laute Aampf zwischen dem Rechte der Vergangenheit und dem Rechte der Gegenwart war zum Schweigen gebracht, und wie Totenstille webte es um die Gräber Geigers, j)hilippfons und ihrer großen mitstrebenden Genossen. Aber ohne nach Recht zu fragen, setzte sich die Gegenwart durch. Tausende und abertausende überließen schweigend und resigniert der triumphierenden Orthodoxie den lVahlplatz und sielen von dem Judentum der Vergangenheit ab. Tausende und abertausende bekannten sich mit dem Munde zu dem Judentum, dessen Gebote sie öffentlich verletzten. So entstand der tiefe Widerspruch zwischen Religion und Leben. So wurde die einst so schöne Einheit zwischen Judentum und Zudenheit auseinandergerissen. An dieseni Riß krankte das Judentum. Das religiöse Gewissen stumpfte sich ab. Zn den oberen sozialen Schichten zuerst, dann in immer breiteren Massen schlich tiefe innere Entftemdung vom Judentum ein. Teilnahmlosigkeit war an Stelle der alten Äämpfe getreten und täuschte eine unbestrittene Herrschaft des alt-orthodoxen Judentums vor. freute aber will das liberale Judentum zu neuem Leben erwachen. Der Wille zum Judentum ist in tausenden, die abseits standen, stark geworden. Es geht ein neues Sehnen nach einer freiheitlichen Erneuerung des Judentums durch die deutschen Lande. Eine Zeit des Suchens ist es und der Sehnsucht. Wir stehen an der Schwelle einer Zukunft, die wir selber bauen müssen. Lins aber steht uns fest als Doppelfels, auf dem wir bauen: Wir wollen „Merkfee Judentum"! Wir wollen „Judentum"! Aein selbstgeschaffenes subjektives Gebilde, keine s)hantasiereligion, keine nachgeäfften, auf den Geschmack der wechselnden Zeit zugeschnittenen formen und Institutionen. Wehe der Religion, die aus ihrer Muttererde Geschichte sich losreißt und an Stelle des positiven Glaubens eine Fülle subjektiver Meinungen setzt! Wehe der Religion, die das geschichtlich Gewordene und sich Bewährende mutwillig zerstört! Nichts Lebendiges wollen wir zerstören. Nur an die Stelle des Toten neues Leben pflanzen. Lebendiges Judentum, nicht totes, ein Judentum, das in den Herzen und Geistern des gegenwärtigen Geschlechtes lebt — das ist liberales Judentum.

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