Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 34. für das Schlujahr 1910-1911 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
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Neues Testament. 55 Unzucht willen“ wollen nur besagen, de* Mann sei nicht gezwungen, mit einer Untreuen die Ehe fortzusetzen, aber nicht, daß er in diesem Falle eine andere Frau nehmen dürfe. Der innere Widerspruch kann meines Erachtens nur so erklärt werden, daß der Verfasser des Matthäusevangeliums die Unauflöslichkeit der Ehe mit der landläufigen Ansicht der Schammaiten in Einklang bringen wollte. Er hatte hiezu guten Grund, denn mit der ehebrecherischen Frau darf die Ehe, wie wir gesehen haben, nicht fortgesetzt werden. Betont wird nicht die Scheidungsmöglichkeit, sondern das Verbot, die Ehe mit der Ehebrecherin fortzusetzen. Das rabbinische Gesetz, daß der Mann mit der treu־ losen Frau keinen ehelichen Verkehr pflegen darf, und das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe können folgerichtig nur durch die Institution der Separation vereinigt werden. Dies mag Matth, gemeint haben, aber nur für die Frau, denn der Mann darf auch mehrere Frauen haben, darum sagt Matth, ״er macht, daß sic die Ehe bricht“. Wie immer man die Matthäusstellen auffaßt, verbleibt ihnen der schammaitische Charakter, insofern beide Ehebruch als Scheidungsgrund anerkennen. Die erste Stelle kann in korrekt schammaitischem Sinne ausgelegt werden, die zweite spiegelt wenigstens ganz deutlich die Kontroverse der beiden rabbinischen Schulen wider. Dieser Schulstreit beschäftigte die Gemüter bloß in der Zeit vor der Tempelzerstörung, denn um 100 wird die schammaitische Anschauung schon ganz überwunden gewesen sein. Ich glaube daher, daß die Matthäus־ schrift (verfaßt 75—100) nicht interpoliert ist, sondern daß Matthäus selbst, der wahrscheinlich Levite ge־ wesen und rabbinisch gebildet war1), den überlieferten Ausspruch Jesus von der Unauflöslich־ keit der Ehe mit der gangbaren schammatischen Anschauung in Ha rmonie zu bringen trachtete.» Daher die schammaitische Färbung. *) Vgl. Prot. Realencyclopädie XII3 428.