Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 28. für das Schlujahr 1904-1905 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
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*94 Leos Stellung zum Talmud. gesellte sich der Verfasser zu den Verächtern des Judentums, *das er doch selbst als Rabbiner geübt und gelehrt hätte. Er sprach sich bewusst darüber aus: »Während des Nieder- Schreibens habe ich in Wahrheit vergessen, dass ich ein Hebräer bin und betrachtete mich als einfachen und unparteiischen Erzähler. Indessen leugne ich nicht, mich bemüht zu haben, den Spott wegen der vielen Zeremonien zu vermeiden; aber ich hatte auch nicht die Absicht, sie zu verteidigen und zu beschönigen, weil ich nur mitteilenpiicht überzeugen wollte«.1) Genau besehen, hat also Leo nur die Sünde begangen, die jüdischen Sitten und Gebräuche beschrieben zu haben. Die jüdische Religion war aber nie eine Geheimreligion und ihre Bekenner haben sich ihrer Gesetze nie geschämt. Der Talmud selbst ist 6CÖ Jahre vor Leo ins Arabische übersetzt worden, und zwar für einen moslimischen Fürsten und Maimuni hat sein Werk über die 613 Gebote ebenfalls arabisch geschrieben. Grätz hat Leos Äusserung missdeutet. Leo wusste, *dass die jüdischen Riten von Nichtjuden verspottet werden, er hörte es selber zu unzähligenmalen, er hat aber mit keinem Wörtchen zugegeben, dass diese Riten den Spott verdienen. Um das von vornherein sich regende Misstrauen christlicher Leser, für die er schreibt, zu der Unparteilichkeit eines Rabbiners in Sachen jüdischer Riten einigermassen zu zerstreuen, bemerkt er mit einer geschickten Wendung, er habe bei der Abfassung seiner Schrift ganz vergessen, dass er ein Jude sei, er werde also weder beschönigen noch verspotten, sondern wie ein neutraler Berichterstatter erzählen. Er betont noch, öffenbar mit Rücksicht auf die kirchliche Zensur, er habe nicht die Absicht, zu verteidigen oder zu überzeugen. Die Verteidigung der jüdischen Religion war eine Sünde und die Überzeugung von ihrer Wahrheit ein Verbrechen. Dass Leo die jüdischen Riten nicht nur nicht lächerlich machen, sondern trotz seiner obgedachten Äusserung verteidigen wollte, sagt er ausdrücklich in seinem Schreiben vom Jahre 1640 an Nethanel Trabotto: »Nach Beendigung [des Druckes meines Werkes Galuth Jehuda] werde ich mein Ohr öffnen und hören, J) A. a. O.