Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 28. für das Schlujahr 1904-1905 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3122061-3122100--4558-3125432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einleitung. 3 hohen moralischen Autorität, weshalb es sowohl von einzelnen als von ganzen Gemeinden nicht selten zur Schlichtung von Prozessen und sonstigen Streitigkeiten angerufen wurde. Die Schriftensamlung bietet infolge dieses Umstandes ein Bild vom Leben sämtlicher Juden Italiens, und nicht nur von dem der Juden der venezianischen Republik. Die vorzüglich geschältliehen Verbindungen der Juden Venedigs reichten, wie einzelne Briefe zeigen, bis nach Wien, Prag, Krakau, Brisk, Amsterdam, Jerusalem usw. Unsere Briefsammlung bietet eine Fülle von intimen Zügen, es tut sich vor unseren Augen ein Stück mittelalterlich-jüdischen Lebens auf. Die beträchtliche Ausbeute für Kultur- und Sittengeschichte bleibt für einen eigenen Abschnitt aufgespart, hier sei blos hervorgehoben, dass die jüdische Literatur bislang kein derartiges Druckwerk ihr eigen nennen konnte. Sie besitzt wohl Brief- Sammlungen, aber es besteht ein wesentlicher Unterschied zwisehea freien Kompositionen eines Autors und zwischen wirklichen Briefen, zwischen Briefstellern und Briefurkunden. Briefsteller sind Lehrbücher, Briefsämmlungen Geschichtsquellen. Ein solches Büchelchen ist z. B. das »Majan Gannim« (מעין גנים), das Samuel Archevolti1), der Lehrer Leo Modenas, verfasst hat und 1553 in Venedig drucken liess. Es enthält in fünf Gruppen 25 Briefe und ebensoviele Ant- Worten. Sie sind für die Geschichte nicht ohne Interesse. Das eine Schreiben enthält beispielsweise Vorwürfe des Mannes an seine Frau, weil sie ihre Tochter zum Tanze geführt hat, worauf eine ganz moderne Antwort von der Notwendigkeit solcher Veranstaltungen erfolgt und dgl.*) Direkte Daten sind aber aus ihnen nicht zu holen. Neben dem künstlichen Stil Archevoltis, der seiner Zeit viele Bewunderer zählte, wirkt wahrhaft erfrischend der äusserst einfache des »Megillath Sefer« (מגלת ספר), das 113 Nummern enthält und das Werk eines Ungenannten ist (2. Ausgabe Cremona 1566). Dieses x) Siehe seine kurze Biographie im zweiten Teile, Seite 22, Anmerkung 2. 2) Fünfte Gruppe (צנוה) Nr. 1 und 2. Die Benützung des Buches verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Dr. Porges in Leipzig. 1*