Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [22.] für das Schlujahr 1898-1899 (1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 69)
- Language
- German
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Bestreitung oder vollends Läugnung des Inhaltes der Glau bensurkunden bei ihm voraussetzen. Die Harmonie, die uns aus seinen religiösen Dichtungen entgegentönt, bürgt uns dafür, dass sein gläubiges Herz von keinem Hauche von Abtrünnigkeit oder Selbstzerfallenheit auch nur berührt gewesen ist. Wenn aber die Verwerfung des Lehrgehaltes‘ der Offenbarung dem Bekenner, seine bedingungslose Am nähme dem Denker unmöglich gewesen ist, dann bleibt nur die Möglichkeit übrig, dass auch Ibn Gabirol zu der einzigen Rettung aus diesem Dilemma, zur alten Brücke dieses Abgrunds, zur Umdeutung und Anpassung des Bibelwortes, zur Allegorese, seine Zuflücht werde genommen haben. Man müsste dies vermuthen, wenn man nicht auf Grund eines ausdrücklichen litterarischen Zeugnisses es behaupten könnte. Salomon Ibn Gabirol war auch darin ein Bahnbrecher in der jüdischen Litteratur des Mittelalters, dass er die Ausgleichung der heiligen Schrift mit den Ergebnissen des strengen Denkens, die Durchleuchtung ihrer Auslegung mit den Gedanken der Philosophie, mit Einem Worte die philosophische Exegese selbstständig schuf und durcliführte. Gewohnt, den entgegenstehenden Schein der Dinge den Wahrheiten seiner Erkenntniss unterzuordnen, von dem Wortlaut gleichsam der Wirklichkeit, von der Aussage der Oberfläche sich frei und unabhängig zu machen, drang er auch in der Betrachtung der Schrifttexte unerschrocken unter die Hüllen der Worte, auf den Sinh in der Tiefe, auf den Kern hinter der Schale. Das Buch, in dem er die ״Ge- * heimnisse“ der heiligen Schrift, die Früchte gleichsam hinter dem Blätterwerk, dem Laubversteck der Worte hervorholte, ist für uns verloren, aber fast hundert Jahre nach seiner Entstehung hat es auf den Geist Abraham Ibn Esra’s einen so tiefen Eindruck gemacht, dass er, der sonst der Allegorese so wenig hold war1), nicht umhin konnte, die Perlen dieser Auslegung in den Tagen der Wanderung seinen 1) Vgl. Rosin, Reime und Gedichte des Abraham Ibn Esra p. 57 f . . ■ '׳׳.(. &