Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 165)
- Language
- German
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162 von Wien, »allda in der Leopold Stadt, dass nickt allein ein grausen, sondern niclit genugsamb kan beschrieben werden«. Die Entvölkerung dieses Stadttkeils, welche die Austreibung der Juden herbeigeführt hatte, steigerte noch das grosse Sterben, dem 1679 in "Wien allein 12,000 Menschen zum Opfer fielen *); es gab jetzt im untern Wörth neben den leer stehenden auch ausgestorbene Häuser. Neue und noch furchtbarere Verheerungen brachten die Schrecken der Belagerung durch die Türken; das Jahr 1683 machte der Vorstadt fast den Garaus. Als Wagenseil 1690 die Stätte besuchte, wo er so lehrreichen und trauten Verkehr mit den Juden Wiens gepflogen hatte, erkannte er sie nicht wieder; so gründlich war sie zerstört und verändert worden * 2). Noch empfindlicher war der Verlust, den das Land erlitten hatte 3). Da zu den Häusern, welche von den Juden verlassen worden waren, kein Bodenbesitz gehörte, Handeltreibende aber, die sie hätten beziehen können, nicht vorhanden waren, so standen sie leer, entwerthet und verfallen. Die Stände wurden nicht müde, die Rückberufung der Vertriebenen zu fordern. Auf 20,000 fl. bewertheten sie ihren Ausfall an jährlichen Einnahmen. Die Preise der Lebensmittel sanken, das Getraide fand keine Käufer, der Bauer verlor alle Lust, seinen Acker zu bestellen. Die Landesprodukte hatten keinen Werth, der Umsatz der Waaren verlangsamte sich; der Blutkreislauf eines Landes, der Handel, stockte. Die es mit Genugtkuung hätte erfüllen können, dass Stadt und Land nach ihnen rief, mussten mittlerweile ihre Wurzeln in ein neues Erdreich treiben. Den ausgetriebenen Opfern konnte die Reue und Umkehr, die zu spät kam, kaum mehr helfen, aber es war doch ein Sühnwerk der Geschichte, dass die Wahrheit für die Abwesenden kämpfte und den Lügengeist bezwang, der die Unglückliehen ins Verderben getrieben hatte. Die Krämerseelen, die über die Jujen geschrieen hatten, schraubten alle Waarenpreise in die נ) F. Tschischka, Geschichte der Stadt Wien 332 ff. 2) J. Ch. Wagenseil. de hydraspide sua (Altorf 1690) übersetzt in J. P. Kaltenbaeck's Oesterreichische Zeitschrift für Geschiehts- und Staatskunde 1835 p. 57; Schudt I, 351. s) Meiner Darstellung־ liegt das Gutachten der Hofkammer zu Grunde, das Gr. Wolf 97—109 offenbar nach Ms. 213 hei den n. ö. Ständen veröffentlicht hat s. J. Wertheimer. Juden in Österreich I, 131 n*.