Mannheim
Compact Memory

Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest · 1888-01-01 · [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888) · page 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
Volume
[11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
Date
1888-01-01
Page
– (sequence 125)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3122061-3122082--1600-3123776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 Georg Winklers das erschöpfende Yerzeichniss aller Forderungen, welche Juden an Christen haben, eingeliefert werden; jede später angemeldete Schuld würde ohne Widerrede verfallen sein. Eine siegreichere Widerlegung aller bei der Commission aufgestellten Behauptungen, als dieses Verzeichniss sie enthielt, kann gar nicht gedacht werden. Hunderttausend Gulden betrug die ganze Schuldenlast, welche die Judenschaft bei der angeblich ganz in ihr Wuchernetz gefallenen Christenheit von Wien zu fordern hatte 1). Mindestens ebenso viel schuldete die Gemeinde allein einigen christlichen Gläubigern. Das Gleichgewicht war also hergestellt; man brauchte die Gläubiger der Gemeinde nur auf die christlichen Schuldner der Juden anzuweisen. Zu diesem Ende hatte auch bereits die Commission auf die jüdischen Forderungen ein Verbot gelegt. Wohl war man darauf gefasst, dass die christlichen Gläubiger sich lieber an ihre jüdische Schuldner würden halten wollen, allein man glaubte Gründe zu haben, die Art der Schuldeneintreibung ihnen vorzuschreiben. Eine Schädigung privatrechtlicher Ansprüche war also von der Austreibung der Juden nicht mehr zu befürchten. Das Interesse des Staates, dem ein Ausfall an Einkünften drohte, hatten aber die von Wien bereits fürsorglich gewahrt, da sie zur Leistung der alljährlich von den Wiener Juden gesteuerten 10,000 und nach Wegschaffung der Landjudenschaft sogar zur Zahlung ihrer Abgaben von jährlich 4000 Gulden bei der Commission sich verpflichteten, wofür diese ihnen nur die Einräumung der weiter vom sog. Hofquartier befreiten Judenhäuser zu versprechen brauchte. So war Alles geräuschlos aufs Beste vorbereitet; es stand nach Ansicht der Commission dem letzten Befehle des Kaisers zur völligen Austreibung der Juden Nichts mehr im Wege. Aber ihre eifervolle Beflissenheit war nur die Folge der bei Hofe herrschenden Stimmung. Durch die Kaiserin und ihren Beichtvater wie nicht minder durch seinen eigenen geistlichen Beirath, seinen Beichtvater und Freund, den Jesuitenpater Müller 2) und Bischof ג) Nach dem Memorial der Commission vom 25. Februar 1670 a. a. O. 2) Ein anderer Vertrauter des Kaisers war der Kapuziner-Guardian Pater Emmerich Sinelli, nachmals Bischof von Wien. Doch hat eine sorgfältige Durchsicht der Correspondenz Leopolds mit ihm aus den Jahren 1668—71 im kais. und kön. Haus-, Hof- und Staatarchive, wie ich einer Mittheilung des Herrn Direktors Bitter von Arneth entnehme, Nichts ergehen, was sich auf die Ausweisung der Juden bezöge.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.